Dienstag, 3. November 2015

A Perfect Day

Die auf dem Reißbrett vielleicht irre wirkende Idee, ausgerechnet vom Krieg humorvoll zu erzählen, hat im Kino längst eine gewisse Tradition, die auf die Stummfilmzeit und damit etwa auf Charlie Chaplin Shoulder Arms (1918) zurückzuführen ist. Nach einer ersten signifikanten Welle satirischer Kriegsdarstellungen wie Dr. Strangelove (1964) und Catch-22 (1970), die historisch nicht zufällig um die amerikanische Antikriegsbewegung gruppiert ist, mag Roberto Benignis La vita è bella (1997) der erste Film sein, der es mit diesem Ansatz zu Weltruhm – einschließlich drei Oscars – geschafft hat. Weitreichender Erfolg bei Preisjurys und dem globalen Publikum scheint im Falle der Kriegskomödie aber nur möglich, wenn der Duktus an gebotener Stelle vom Lachhaften ins Ernste, will sagen: Melodramatische kippt. Gestattet man diese Wendung, die natürlich auch eine Klarstellung der ideologisch mehrheitsfähigen Position ist, der Zuschauer_in anderseits nicht, scheint der Vorwurf der Geschmacklosigkeit unvermeidbar. Three Kings (1999) ist so ein kritisch beäugter Fall, mit dem David O. Russell eben noch nicht die Anerkennung sicher war, die er mit seinen jüngeren Filmen genießt. Der Grat zwischen als adäquat empfundenem Galgenhumor und attestierter Leichenfledderei ist denkbar schmal.

A Perfect Day ist eine Preisung Benigni'scher Ausmaße zwar zu wünschen, aber realistischerweise nicht vorherzusagen. Weniger als mit der besagten Gratwanderung hat das allerdings mit Umständen der Produktion und Distribution zu tun. Und mit der bitteren Tatsache, dass der hier beleuchtete Bosnienkrieg schlicht weniger populär als der Zweite Weltkrieg rezipiert wird. Mitte der Neunziger sind die Mitarbeiter einer internationalen Hilfsorganisation irgendwo in den Bergen des ehemaligen Jugoslawiens mit der Instandhaltung der Wasserversorgung beschäftigt. Als wir ihnen erstmals begegnen, scheitern der Mittelamerikaner (Benicio Del Toro), die Französin (Mélanie Thierry), der Amerikaner (Tim Robbins) und ihr einheimischer Dolmetscher (Fedja Stukan) mit dem ersten Bergungsversuch einer schwergewichtigen Leiche aus einem Brunnen. Aus dieser Problemstellung, einer im Krieg alltäglichen, wie man schnell annehmen darf, entwickelt sich eine Odyssee, in die bald auch ein kleiner Junge der Region und eine russische Helferin (Olga Kurylenko) verwickelt sind.

Der Humor des spanischen Filmemachers Fernando León de Aranoa schwankt zwischen schonungsloser Ironisierung (vertreten vor allem durch Robbins) und trockenem Zynismus (Del Toro). Wie schon in seiner großartigen Milieustudie Princesas (2005) unterscheidet sich de Aranoa damit von letztlich verniedlichenden – wenngleich entlarvenden – Strategien Benignis und erinnert eher an Altmans M*A*S*H (1970). Erstaunlich ist auch im Falle von A Perfect Day nicht nur die Leichtigkeit, mit der selbst schlimmsten Lebensumständen Belustigendes abgewonnen wird, sondern insbesondere, wie dennoch stets Bögen zu den nie verleugneten Grauen des Krieges geschlagen werden. Und nicht zuletzt, wie clever de Aranoa diese schwierigen Übergänge löst: Anstatt in rührselige Klagelieder zu verfallen, macht sich der Regisseur einfache Mittel des Thrillers zunutze, die gerade im Verbund mit bitterbösen Einzeilern beständig eine ungutes Gefahrpotenzial vermitteln. Auch die so intensivierte Wirkung von A Perfect Day gereicht allerdings fraglos zulasten der Massentauglichkeit des filmischen Angebots.

Der immer noch ungewöhnliche Humorblick auf einen Krisenherd hat zudem eine weitere Komponente. Mit einiger Vorsicht lässt A Perfect Day über eine seltene Eignung des zu Recht umstrittenen Labels "Antikriegsfilm" nachdenken. Wenn eine echte Positionierung wider den bewaffneten Konflikt bei gleichzeitiger Reproduktion des Kriegerischen strukturell unmöglich scheint (wofür einiges spricht), dann aber doch vielleicht so: (fast) ohne dargestellte Kampfhandlungen, aber mit einer pluralen humanen – hier zudem humanistischen – Perspektivität, die aber eben nie in einen Belehrungston oder streicheruntermalten Betroffenheitskitsch verfällt. Explizite Kritik kann man dann eingespielten Pop-Klassikern diverser Anti-Kriegs-Bewegungen überlassen.

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