Sonntag, 2. August 2015

Slow West

Als erstes fällt das Bildformat ins Auge. Nicht nur ist es mit seinem Seitenverhältnis von 1 zu 1,66 an sich längst eine Seltenheit. Ausgerechnet im Westerngenre, bei dem das ausladende Cinemascope-Format (1 zu 2,35) seit den Siebzigern beinahe selbstverständlich scheint, eine Kaderform zwischen früherem und heutigem Fernsehbild zu wählen, ist ein erster feiner Affront dieses Films. Im Grunde lässt sich die Erklärung seiner eigentümlichen Ideologie aber noch grundsätzlicher festmachen, nämlich am scheinbar programmatischen – und ganz sicher provokanten – Titel des Werkes: Slow West.

Wer an einen so benannten Film noch Ansprüche entlang der Konventionen des (oder zumindest: dieses) Kinos stellt, der ist rasch auf verlorenem Zuschauerposten. Dabei ist der von John Mclean geschriebene und inszenierte Western gar nicht aufreizend langsam erzählt, sondern mit 83 souverän getakteten Spielminuten eher untypisch kompakt. Die Abweichungen vom aus gutem Grund Erwartbaren häufen sich in der der filmischen Folge. Es sind keine plakativen Überzeichnungen, mit denen Slow West seinen Sonderstatus markiert, und von einer Parodie zu sprechen, wäre verfehlt. Stattdessen verbaut Mclean hier und dort kleine Anachronismen, die einem im Einzelnen auffallen mögen oder nicht; in ihrer Gänze verfehlen sie ihre Wirkung aber in keinem Fall.

Auch mit ihrem schmalen Handlungsgerüst nimmt es die Erzählung nicht sonderlich genau. Einen von Kodi Smit-McPhee (schon als Bub in The Road beeindruckend) mit der passenden Mischung aus Drang und Unbeholfenheit gespielten Schottenteenie zieht es gen Westen. Soweit, so konventionell. Wegen einer holden Angebeteten natürlich, nur dass diese (Caren Pistorius) erstens ein ganzes Stück älter und zweitens ziemlich uninteressiert an ihm ist. Und drittens gemeinsam mit ihrem Herrn Papa wegen Mordes gesucht wird – an des jungen Mannes adeligem Vater. Dank eines Steckbriefes weiß das auch der Drifter Silas, der sich dem hoffnungslos Verliebten als Begleiter anbietet. Michael Fassbender gibt diesen Cowboy, dessen Motive zunächst verworren scheinen, als wortgewandten Gesetzlosen mit historischem Bewusstsein.

Dass der hemdsärmelige Junge die Ortskenntnis und Schießkunst seines bezahlten Kompagnons dringend nötig hat, um jemals zum Subjekt seiner Begierde zu gelangen, bestätigt sich alsbald. Eine ganze Bande von Kopfgeldjägern – angeführt vom in einen absurden Pelz gehüllten, gewohnt großartigen Ben Mendelsohn – trachtet längst nach der Holden. Doch vor dem unvermeidlichen Showdown/Shootout huscht man erst noch geschwind in die Umkleidekabine des ländlichen Kaufhauses, packt Diskriminierungsforscher Werner seinen Klappstuhl aus und lernen wir den doppelten Nutzen einer zwischen Gäulen gespannten Wäscheleine. Dass Slow West die meisten seiner Akteure schließlich über den Haufen schießen lässt, ist nicht etwa eine späte Konzession an die Erfordernisse des Genres. Spätestens die finale Montage statischer Ansichten sämtlicher Gefallener der Mär macht das tief reflexive Moment dieser feinsinnig ironischen Variation allzu deutlich.

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