Freitag, 5. Juni 2015

Lost River

Bei manch einem Schauspieler ahnt man früh, dass er einstweilen ins Regiefach wechseln müssen wird, um sein ganzes künstlerisches Potenzial zu entfalten. Ryan Gosling ist seit jeher ein solcher Fall gewesen und hat diese Ahnung nun bereits 34-jährig bestätigt. Wenig verwunderlich, dass in seinem Filmemacherdebüt Lost River die bisherigen Regisseure seiner eigenen Darstellerkarriere kräftig herumgeistern. Um genau zu sein, ist das Werk nicht alleine ein Quasi-Konglomerat von Refn, Cianfrance und Clooney, sondern ein Film, wie ihn die Charaktere Goslings vielleicht kollaborativ hergestellt hätten. Vermischt mit seiner eigenen Persönlichkeit sind auch Figuren wie der namenlose Fahrer (Drive), Bankräuber Luke (Place Beyond thePines) und Drogenschmuggler Julian (Only God Forgives) zwischen den Zeilen omnipräsent.

Tatsächlich verbleibt Gosling selbst hinter der Kamera von Lost River. Noch ungewöhnlicher für einen umgelernten Regisseur ist allerdings, dass sein Erstling auf das sonst obligatorische Schaulaufen namhafter DarstellerkollegInnen weitgehend verzichtet. Natürlich darf Lebensgefährtin Eva Mendes in einem gewichtigen Nebenpart nicht fehlen und sicherlich ist auch die großartige Saoirse Ronan längst kein Geheimtipp mehr. Die Hauptrollen besetzt Gosling jedoch mit eher unbekannten, nicht minder hervorragenden Akteuren. Christina Hendricks (aus "Mad Men") spielt so etwas wie die Protagonistin des Films. Als alleinerziehende Mutter zweier Söhne bemüht sie sich, die Pfändung und den Abriss des eigenen Hauses zu verhindern. In ihrem gottverlassenen Örtchen des Mittleren Westens gehört die kleine Familie ohnehin zu den letzten verbliebenen Bewohnern. In seinen Streifzügen durch die Nachbarschaft gerät der ältere Sohn an eine Gang, die über die Ruinen einer besseren Zeit herrscht. Unterdessen ist die Mutter gezwungen, in einem zwielichtigen Nachtclub anzuheuern.

Bereits die erste Filmszene, die kaum dreißigsekündige Vortitelsequenz, in der ein kleiner Junge der jüngere Sohn der Protagonistin weinend vor dem Haus umherirrt, gibt den Ton von Lost River vor. Dass der Film eigentlich "How to Catch a Monster" heißen sollte, hätte der Furcht des Kleinen vor dem Bösen Rechnung getragen, die sich als durchaus berechtigt erweisen wird. Die (dennoch nicht verkehrte) Titeländerung stellt offenbar den einzigen Kompromiss dar, den Gosling eingegangen ist. Ansonsten darf er sich in der Adaption seines eigenen Drehbuches sichtlich austoben: Durchgestylte Kameraeinstellungen, eine assoziative Montage und atmosphärische Klänge erzeugen eine artifizielle Düsternis mit hoher Sogwirkung. Bei diesen abgründigen Stilisierungen nicht an Lynch, Cronenberg und eben Refn zu denken, ist kaum möglich.

Wer an einen Film den Anspruch stellt, sich (im Wortsinne:) zu verstehen zu geben, der wird an Lost River verzweifeln. Doch genauso wenig wie jedes (nicht nur filmische) Kunstwerk verstanden werden will geschweige denn: richtig verstanden werden , ist auch die Forderung einer schließlichen Klarheit kein selbstverständlicher Rezipientenwunsch. Zugegeben: Dieser Wunsch ist weit verbreitet und lässt einen gewissen Konsens in der Ablehnung eines betont künstlerischen Kinos verständlich erscheinen. Das räumt aber keineswegs die Bizarrheit dieser Forderung an den fiktionalen Film (und überhaupt die Kunst) aus. Übrig bleibt letztlich die Frage nach der Konzessionsbereitschaft des Zuschauers und damit die nicht unerhebliche Diskrepanz zwischen einer Priorisierung von Unterhaltung oder Herausforderung. Insofern fordert Lost River seinerseits: ein Einlassen auf seine Erzählung und eine Zufriedenheit ohne Erklärung. Wer dazu bereit ist, wird zwangsläufig auch unterhalten und zwar grandios.

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