Mittwoch, 27. Mai 2015

Inherent Vice

Wenn es im Vorfeld des Kinostarts immer wieder hieß, Paul Thomas Anderson verfilme mit Inherent Vice erstmals ein fremdes Buch, ist das nicht ganz richtig. Bereits sein – im Sinne der Autorengewerkschaft dementsprechend als "adapted" gewertetes – Skript zu There Will Be Blood verdankt einem Roman seine zumindest thematische Struktur. Parallel zu seiner sehr freien Verfilmung gelesen, erweist sich "Oil" von Upton Sinclair als immens bereichernde Lektürehilfe des natürlich auch ohne diese Erweiterung meisterhaften Filmwerkes. In der Tat scheint die Eigenleistung Andersons bei seinem Drehbuch zu There Will Be Blood nicht unerheblich größer als im aktuellen Fall: Während von Sinclair nach der Bearbeitung allenfalls historische und atmosphärische Motive übrig bleiben, ist Inherent Vice nun eine waschechte Adaption. Warum der autoritäre Beitrag Andersons dennoch mindestens ebenso hoch einzuschätzen ist, lässt sich nur äußerst schwer erläutern.

Anderson beginnt exakt wie Pynchon. Die gebürtige Britin Katherine Waterston, ideal in dieser Schlüssel-Nebenrolle, als Ex des meist zugedröhnten Privatschnüfflers 'Doc' Sportello im Halbdunkel dessen schäbiger Bude am Strand. Nach The Master trägt Joaquín Phoenix zum zweiten Mal einen PTA-Film in darstellerischer Hinsicht. Die Neigung zu Rauschmitteln ist aber auch schon die einzige Gemeinsamkeit der beiden Parts – und die schiere Brillanz beider Verkörperungen. Angestoßen durch die kurze Begegnung mit seiner Ex, gerät Doc in einen Strudel pikanter Verstrickungen, die mit dem Verschwinden eines Baulöwen, einem mysteriösen Segelschiff, einer 'arischen' Bruderschaft und allerlei Drogen zu tun haben. Unter vielen anderen trifft der stets mittelprächtig verpeilte Detektiv dabei auf einen Saxophon spielenden Spitzel, einen koksenden Syndikat-Zahnarzt sowie diverse Nazis, gerne auch in Kombination mit schwarzen Bürgerrechtlern. Und natürlich auf Detective 'Bigfoot' Bjornsen, den Josh Brolin mit Flinstones-Frisur und rigoros antikommunistischer Agenda gibt.

Wer den Roman nur noch in ungefähren Zügen in Erinnerung hat, wird annehmen, die filmische Adaption halte sich sehr eng daran. Weit gefehlt: Für seine Version von "Inherent Vice" hat Paul Thomas Anderson subtil an so ziemlich jeder Schraube des Pynchon-Werkes gedreht. Neben den obligatorischen Auslassungen (denen vor allem der längere Las-Vegas-Trip Sportellos zum Opfer gefallen ist, der schwächste Teil des Buches) setzt der Film Highlights, paraphrasiert, springt und arrangiert neu, das es abermals eine helle Freude ist, den Roman zur Verfilmung hinzuzuziehen. Zu den offensichtlicheren Änderungen Andersons zählt die clevere Installation einer Erzählerfigur. Das vermeintliche No-Go des Voice-Overs verkehrt sich hier in eine kraftvolle Stilfigur, die gleichzeitig Fragmente des Originaltextes beibehält und auf das eigene Vorgehen reflexiv verweist. Indem er eine von der Folksängerin Joanna Newsom gespielte Nebenfigur der Vorlage zur Kommentatorin des Geschehens wendet, überwindet Anderson nebenbei Genderkonventionen, die bisher auch sein eigenes Werk dominiert haben.

Als Komödie ist gerade einmal ein Aspekt von Inherent Vice erfasst. Tatsächlich ist der Film nicht nur weitaus mehr, sondern auch im Wesentlichen viel eher von einer tiefen Paranoia bestimmt. Die Verhaftung Charles Mansons im Summer of '69 markiert das Ende auch der ideologischen Sechziger. Sportellos Suche nach einem Schreckensgespenst namens "Golden Fang" – spielt Pynchon hier mit ähnlich leeren Worthülsen wie "Terror"? – funktioniert auf mehreren Ebenen. Verortet sind Buch und Film in jedem Fall ganz deutlich jenseits der Unbeschwertheit der gerade ausklingenden Epoche. Das schließt ein wenig des klassisch grasgeschwängerten Humors des Hochhippietums, aber in der Hauptsache eine schwarz eingefärbte und sehr oft reichlich verschrobene Komik mit ein.

Viel eher ist Inherent Vice eine performative Studie der Verschwörungstheorie, zugegeben: auf einer nicht einfach zu dechiffrierenden Metaebene. Anderson hat einmal in einem Interview gesagt, es Falle ihm notorisch schwer, dem logischen Fortgang komplex aufgebauter Filme zu folgen – was aber eben nicht sein Interesse an der nächsten Szene trüben müsse. Das ist als cineastische Vorliebe bezeichnend und erklärt den Aufbau seines aktuellen Filmes: Vice verstrickt sich so sehr in den eigenen narrativen Wahn – in dem alles historisches Faktum oder eben doch ein Trip der Hauptfigur sein kann –, dass bald nur noch ein Mittelfinger an alle selbsternannten 'Logiker' des Kinos übrig bleibt. Allerdings ein denkbar medien- und eben auch sehr selbstreflexiver Mittelfinger mit unerschütterlicher Liebe zur Magie der kinematografischen Performanz.

Neben der so gegensätzlichen Adaptionsleistung fungiert Inherent Vice in einer weiteren Hinsicht gewissermaßen als Antithese zu There Will Be Blood: Dem vor allem im stummfilmartigen Beginn sehr wortkargen Bewegtgemälde setzt Anderson nun einen überaus redseligen, sprachlastigen Film entgegen. Wie immer im Œuvre des Kaliforniers kommt bei aller Rhetorik die Bildgewalt aber keinesfalls zu kurz. Die Wirkung der Kamera Robert Elswits, für Blood noch unvermeidlich oscarprämiert, ist weitaus subtiler, die durchaus wieder vorhandenen visuellen Extravaganzen sind erst beim wiederholten Sichten in ihrer Gänze zu würdigen. Dass Elswit fast ausschließlich aus Untersicht und mit extrem langsamen Push-ins filmt etwa. Dass mehrere längere Dialogszenen in einer einzigen Einstellung stattfinden. Und schließlich dass Paul Thomas Anderson weiterhin zu den letzten unverbesserlichen Nostalgikern zählt, die das gute alte Zelluloid in all seiner Brillanz nicht aufgegeben haben.

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