Samstag, 14. Februar 2015

Birdman

Zu seinen weithin als solche anerkannten Meisterwerken zählt Alfred Hitchcocks Rope (dt.: Cocktail für eine Leiche) von 1948 nicht. Dass der Film mitunter den Ruf einer etwas bemühten Fingerübung genießt, ist dem Umstand geschuldet, dass der Versuch eines perfekten Mordes in scheinbar einer einzigen Kameraeinstellung erzählt wird. Die damals aus technischen Gründen dennoch notwendigen Schnitte versteckt Hitchcock aus heutiger Sicht eher stümperhaft. Dagegen wirken jüngere Experimente wie Michael Hanekes Code Inconnu (2000), in dem zumindest jede Szene aus einer schnittlosen Plansequenz besteht, oder Timecode (2000) von Mike Figgis, der sich in vier gleichzeitig sichtbaren Einstellungen à 90 Minuten entfaltet, virtuoser. 

Wenn Alejandro González Iñárritu das Hitchcock'sche Prinzip nun in Birdman aufgreift, ist das weit mehr als eine Spielerei. Formalen Mut hat der Mexikaner ohnehin längst in seinem Erstling Amores Perros und seinem Beitrag zum 9/11-Omnibusfilm 11'09"01 unter Beweis gestellt. Dass sein neues Werk so gut wie keine sichtbaren Cuts enthält, werden wohl überhaupt nur trainierte Cineasten früh bemerken. Wie nachhaltig Iñárritu nicht alleine durch diese vergleichsweise radikale Entscheidung den Zuschauer in die Welt seiner Erzählung entführt, das geschieht ohnehin unabhängig von jedem Bewusstsein für das stilistische Wie. Im wahrsten Sinne hinter die Kulissen einer Theater-Produktion saugt uns dieser unwiderstehliche Film bereits von seiner ersten Minute an. 

Michael Keaton spielt sich in Birdman im Grunde selbst. Als abgehalfterter Movie-Star lechzt der faltige Mann nach dem nicht nur künstlerischen Sinn. Gefunden zu haben glaubt er diesen in einem Raymond-Carver-Stück, das er nun also für eine Broadway-Bühne adaptiert hat. Die Regie und Hauptrolle übernimmt er gleich ebenfalls, und damit beginnen die Probleme erst. Keaton spielt den Starschauspieler vergangener Tage als Getriebenen, als Mann mit tendenziellem Fatalismus und vielleicht sogar Superkräften. Unmittelbar vor der Vorpremiere wird dieser mit seiner verständnisvollen Ex-Frau (Amy Ryan), seiner vollkommen verständnislosen Tochter (Emma Stone) und einer angeblich schwangeren Bettgefährtin (Andrea Riseborough) konfrontiert. Als noch explosiver erweist sich zunächst allerdings die Neubesetzung eines Schlüsselparts durch einen ego- und exzentrischen Mimen, den Edward Norton mit einer gehörigen Portion Selbstironie gibt. 

Birdman als reine Abrechnung mit dem Showbusiness zu verstehen, greift eindeutig zu kurz. Zwar sind die Seitenhiebe auf das Geschäft zahlreich, in denen auch die journalistische Kunstkritik keineswegs verschont bleibt. Iñárritu geht es jedoch ebenso sehr um die ganz individuellen Mechanismen des künstlerischen Schöpfens und Scheiterns, um innere Antriebe und vor allem Dämone. Dafür erweisen sich die technischen Extravaganzen und der damit verbundene Selbstbezug als umso passender. In dieser Hinsicht folgt die Strategie ohnehin weniger Hitchcock als Scorsese, de Palma oder Paul Thomas Anderson – die nicht umsonst die jüngsten Virtuosen der schnittlosen Bildsequenz sind. Und noch einen großen amerikanischen Filmemacher – insbesondere dessen letztes Werk A Prairie Home Companion, das hinter die Kulissen einer Radioshow entführt – ruft Birdman in Erinnerung: In mehr als einer Hinsicht ist dieses Kunst-Stück altmanesk. Diesen Terminus wird demnächst ein Dokumentarfilm über Robert Altman prägen – einem weiteren Meister der Plansequenz.

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