Samstag, 24. Januar 2015

Fury

Es gibt nicht wenige Stimmen, die in der Auftaktsequenz von Spielbergs Saving Private Ryan einen Quantensprung der filmischen Kriegsdarstellung vermuten. Nie zuvor, so der Tenor dieser Rezeptionslinie, sei die Zuschauerimmersion konsequenter vorangetrieben, nie zuvor der Kinosessel derart direkt inmitten des Schlachtengetümmels platziert worden. Verwechselt wird diese ausgeklügelte Strategie, die sich im Oeuvre Spielbergs übrigens allerorts findet, allerdings gerne mit einem vorschnell proklamierten Realismus. Tatsächlich liegt in den überaus drastischen Darstellungen gerade deshalb eine nicht unerhebliche Ästhetisierung des Kampfgeschehens. Keine Aufhübschung ist hier am Werk – ganz im Gegenteil –, sondern ein sinnliches Erfahrbarmachen von Krieg.

Die kriegerische Ästhetik von David Ayers Fury geht über den Spielberg'schen "Realismus" einen weiteren Schritt hinaus. Gestorben wird hier noch wahrhaftiger: von der Realität wird weniger abgezogen, dem filmischen Krieg entsprechend mehr hinzugefügt. Wenn nun also ohnehin entstellte War Bodies nochmals von Panzerketten zermatscht und oberflächlich intakte Gesichtshälften vom Boden aufgeklaubt werden, öffnet das ein neues Kapitel des Abjekten. Kompensiert wird dieses abermals verschärfte Grauen mit einer abermals erhöhten Dosierung der Sinnstiftung. Die höchstmoralische Aufladung des längst affirmierten Good War, die bereits den Großteil von Private Ryan dominierte, wird nunmehr mit einem Konstrukt aus Liebe und Religion geleistet, das von nationalrationaler Ideologie fast gänzlich befreit scheint.

Amerikanische Flaggen sucht man in Fury vergebens. Die Abwesenheit von Politik mag für den waschechten Combat Movie wesensbildend sein – das hier nicht einmal an die brüderlich-soldatische Ersatz-Miniatureinheit appelliert wird, ist dennoch bemerkenswert. Nein, abgesehen von gelegentlichen posthumen Tränen erscheint der Krieg schlicht als die wahre Heimat. So begründet Brad Pitt als Befehlsgeber des titelgebenden Panzers das finale Himmelfahrtskommando. "That's war." Natürlich ist auch dieser Held ein Präsenz-Traumatisierter (eben nicht post-traumatisch Belasteter), dessen Rückkehr aus dem Krieg man sich nur allzu schlecht ausmalen kann. Make love and war, ruft Regisseur Ayer schon eine halbe Filmstunde zuvor zwischen die audiovisuellen Zeilen. Naja, "sie sind jung und sie leben", wendet Pitt mit vollem Ernst in gebrochenem Deutsch ein, als sich Norman (Logan Lerman), der jüngste Neuzugang  seiner Besatzung, mit dem blonden Madl ins Schlafgemach zurückzieht. Sex sells – hier eine überaus romantische Note der Kriegsgegenwart.

Wiederum einige Sinnabschnitte früher hat 'Wardaddy' (Pitt) den Jüngling in der gebotenen Ruchlosigkeit des Menschentötens unterwiesen. In einer der psychisch brutalsten Szenen der jüngeren Filmgeschichte zwingt der Kommandeur den Gewissensgeplagten zu seinem Glück – denn als solch schaurig Erhabenes wird sich der Mord an einem Wertlosen (= Nazi) schon bald erweisen. Und eine wahrhaft hübsche Belohnung folgt für Norman ja ohnehin alsbald. Damit der blutigen Drecksarbeit aber auch abseits des amourösen Päuschens (das Ayer pflichtschuldig mit einem unangenehmen Gruppendialog dekonstruiert) Sinn gestiftet wird, zitiert Fury ungeniert den Herrgott höchstselbst herbei. Was in der wenig subtil 'Bible' genannten, von Shia LaBeouf gespielten Figur des bleisprühenden Missionars bereits früh angelegt ist, entlädt sich im pathetischen Finale des Films. Da rezitiert auch der für die Frömmeleien des Untergebenen zunächst sichtlich unanfällige 'Wardaddy' plötzlich textsicher aus der Heiligen Schrift, als gäbe es kein Morgen.

Und in der Tat wird das abschließende Kamikaze-Unterfangen – ein Stahlfahrzeug gegen zwei Hundertschaften rhythmisch singender SS-Schergen – nur jenen einen (körperlich) Überlebenden zulassen, der schließlich vom Heldentod der Brüder Meldung zu machen hat. Der rekonstruierten Normandie von Spielberg setzt Fury den Norman Day entgegen, das Tête-à-Tête inmitten der Kriegswirren; dem audiovisuellen Fahnenschwur von Private Ryan entspricht das feierliche Gottesbekenntnis dieser späten Revision. Schlachten kann auch Spaß und vor allem ganz viel Sinn erbringen – solange es die Richtigen trifft. Das war uns Zuschauern des Hollywood-Kinos natürlich schon längst bekannt, aber so geschickt ist es uns schon eine Weile nicht untergejubelt worden.

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