Samstag, 27. September 2014

Phoenix

Hoss/Petzold, die Fünfte. Nach Wolfsburg, Yella, Jericho und Barbara reicht Christian Petzold erneut ein Wort als Titel. Und Nina Hoss, um sich der Aufmerksamkeit des Feuilletons sicher zu sein. Nun also Phoenix, aber natürlich nicht das in Arizona. Wir bleiben in Deutschland, aber in der Zeit geht es zurück. Unmittelbare Nachkriegszeit, das geht immer. Ein bisschen Fassbinder, klar. Eine Frau ohne Gesicht, auch das kennen wir. Eine Prise Almodóvar. Sie gibt sich als ihre eigene Doppelgängerin aus. Das klingt nach Cronenberg. Und Lynch. Aber die Verstörungen, sie werden eher zwischen den audiovisuellen Zeilen bleiben.

Dem hoch gelobten und dann doch nur mit Trosttrophäen (Berlinale, Deutscher Filmpreis) dekorierten Barbara folgt in Wahrheit wieder nur eine kosmetische Variation. Hier einmal wörtlich zu nehmen. Wie unsagbar viel die Hoss mit ihren Augen zu transportieren vermag, die Bandagen ihrer Filmfigur lenken unsere Blicke darauf. Vor der Rekonstruktion ihrer Gesichtszüge, die keine wirkliche ist, hieß sie Nelly und sang. Und Gesang, nicht etwa die sprechende Stimme, wird ihr ultimatives Selbstverständnis sein.

Auch die Brandmarke in ihrer Haut zeigt uns Petzold lange nicht. Dabei weiß jeder: Sie ist eine Abgestempelte. Nach ihren Erlebnissen in Auschwitz wird sie keiner fragen, keine Angst. Keine Angst? Johnny, einst ihr Ehemann, kann es sie nicht fragen. Er erkennt sie ja nicht. Ronald Zehrfeld, auch in Phoenix der Gegenpart zu Nina Hoss, lässt uns das Unglaubliche glauben. Und dennoch berechtigte Zweifel. Müsste er nicht...? Stattdessen diese zweite Rekonstruktion, jetzt noch deutlicher veräußerlicht. Wie passend, dass Zehrfeld die Statur des Bauarbeiters gleich mitbringt.

Rekonstruktion – der Wiederaufbau findet bei Petzold im Antlitz der Überlebenden statt. Während die Architekturen noch in Trümmern liegen, operieren die Menschen. Nicht nur chirurgisch, hier repräsentiert durch die trockene Süffisanz von Michael Maertens. Die steife Haltung der Hoss sagt so viel über das Roboterhafte der von all den Toten Zurückgekehrten. Ihrem zweiten und dritten Leid wird kein Ventil geboten. Das veranschaulichen auch die strengen Kader von Hans Fromm, dem malenden Bildregisseur.  

Phoenix – das ist nicht etwa der Ort einer unerfüllten Sehnsucht. Nein, es ist eine simple Spelunke im zerbombten Berlin. Dieses Setting erinnert dann wieder an Fassbinder. Petzold hat indes längst seine eigene Stimme gefunden. Und sein Sprachrohr, seine Schygulla. Wer hier die Wiederkehr des Immergleichen oder zumindest eine gewisse Selbstähnlichkeit bemängelt, verkennt Christian Petzolds Blick für das Ganze. Dem rückt Phoenix dessen Oeuvre wieder ein Stückchen näher. 

Keine Kommentare: