Montag, 22. September 2014

Nowitzki. Der perfekte Wurf

Den Namen Dirk Nowitzki kennt in Deutschland fast jeder. Dennoch dürften die allerwenigsten auch nur ein einziges seiner Spiele live verfolgt haben – nicht einmal im Internet, über das die Einsätze hierzulande zu nachtschlafender Zeit mitzuerleben sind. Selbst Nowitzkis eigene Mutter sieht sich die Arbeit ihres berühmten Sohnes stets erst am folgenden Nachmittag in einer Aufzeichnung an. Tausende Kilometer und ein halbes Dutzend Zeitzonen trennen den Sportstar und seine Heimat.

Den Weg von Würzburg, Unterfranken nach Dallas, Texas, der den 2,13 Meter großen Athleten in die Elite des Basketballs geführt hat, vollzieht der mitreißende Dokumentarfilm Nowitzki. Der perfekte Wurf nach. Im Mittelpunkt der klugen Dramaturgie steht zunächst der Entdecker, Trainer und Förderer Nowitzkis, der kauzige Holger Geschwindner. Selbst ehemals erfolgreicher Basketballer, begegnet Geschwindner dem 16-jährigen Talent Mitte der Neunziger und nimmt sich seiner an. Mit innovativen, anfänglich belächelten Trainingsmethoden führt der Mann, der sein Unterfangen fortan „Institut für angewandten Unfug“ nennt, den Blondschopf in nur wenigen Jahren in die amerikanische Profiliga NBA. Von den frühen Anpassungsschwierigkeiten an das höchste sportliche Niveau und den kulturellen Differenzen berichtet der Film von Sebastian Dehnhardt ebenso wie über den baldigen Erfolg des German Wunderkind.

Abgesehen von der um eine Nuance zu aufdringlichen musikalischen Untermalung ist Der perfekte Wurf auch filmisch brillant. Ergänzt durch umfangreiches Archivmaterial, fängt die Kamera sowohl das unaufgeregte Wesen Nowitzkis, den vielfältigen Einfluss seiner privaten und beruflichen Begleiter als auch, ganz nebenbei, die Schönheit des Basketballsports ein. Wenn ein ehemaliger Mitspieler Geschwindners einmal die Parallelen zwischen der Sportart und Jazz demonstrieren darf, verrät das auch viel über den bewundernden Ansatz der Dokumentation. Nowitzkis Mentor selbst gehören die sportwissenschaftlich spannendsten Momente der Erzählung. Die Obsession, mit der Geschwindner sein mittlerweile weltweit anerkanntes Trainingskonzept entwickelt hat und fortwährend perfektioniert, kommt trotz einiger (nötiger) Ironie zur vollen Geltung.

Als Portrait des wohl besten europäischen Basketballers der bisherigen Sportgeschichte gelingt Dehnhardts Film die Balance zwischen pointierter Rückschau und einer erstaunlich intimen Momentaufnahme. Vom unermüdlichen Training in einer Turnhalle in der unterfränkischen Provinz bis zum hektischen Ligaalltag im Dienste der Dallas Mavericks begleitet Der perfekte Wurf Dirk Nowitzki ein Jahr lang. Um diese eigenen Aufnahmen, in denen sich der medienscheue Star ungewöhnlich offen gibt, bastelt Dehnhardt eine weitgehend chronologische Biografie. Auch zwischen den toll zusammengestellten Talking Heads und den wichtigsten Spielszenen der Karriere Nowitzkis findet der Film ein stimmiges Gleichgewicht. Das Fundament für die annähernde Perfektion von Nowitzki. Der perfekte Wurf besteht allerdings bereits in der Wahl des Portraitierten – der, nicht nur im Lichte seiner Bekanntheit, schlicht grundsympathisch ist.

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