Montag, 22. September 2014

Gemma Bovery

Keine Angst: Auch wer „Madame Bovary“ nie gelesen oder nicht mehr vollständig präsent hat, kann dieser Neubearbeitung uneingeschränkt folgen. Exegese und Originalzitat der berühmten Vorlage liefert Gemma Bovery gleich mit. Tatsächlich ist der Film die Adaption einer Printvorlage – aber primär die eines Comics. Die Graphic Novel von Posy Simmonds dient dem filmischen Werk als konkretes Vorbild und ist natürlich ihrerseits heftig von Flaubert beeinflusst. Der Leinwandversion von Anne Fontaine merkt man ihren Status als Comicverfilmung nicht an – und das ist durchaus als Kompliment für die Zeichnerin und für die Regisseurin zu verstehen. Denn zum einem kreiert Simmonds Comicvorlagen, die sich von den wesentlich berühmteren Geschwistern merklich absetzen, und zum anderen kann sich Fontaines Film auch für sich genommen wundervoll behaupten.

Aus der Sicht eines verträumten Bäckers im letzten Lebensdrittel erzählt Gemma Bovery die Geschichte einer jungen Britin, die sich mit ihrem deutlich älteren Ehemann in die ländliche Idylle der Normandie zurückgezogen hat. Angespornt durch die Ähnlichkeit ihres Namens mit dem der tragischen Romanheldin, ist der Bäcker von seiner Nachbarin fasziniert. Als er heimlich beobachtet, wie sich die zunehmend gelangweilte Gemma in ein Verhältnis mit einem verträumten Jüngling stürzt, werden die Parallelen zu Flaubert immer verblüffender. Um das fatale Ende der Madame Bovary abzuwenden, greift der Bäcker in die Geschehnisse ein – mit natürlich ebenfalls fatalen Folgen.

Zur schönen Ausgewogenheit von Gemma Bovery gehört es, dass der Bäcker zwar die zentrale Erzählinstanz bildet, dessen Sicht und Einfluss auf die Geschehnisse aber eben nicht allumfassend ist. Stattdessen bleibt auch manche entscheidende Verknüpfung offen, nimmt der Film sich und das Spiel mit der hohen Literatur nie zu ernst. Fabrice Luchini und der mit ihrer Rolle namensgleichen Gemma Arterton gehören weitere Anteile, warum Gemma Bovery keine prätentiöse Neuverfilmung eines Romanklassikers ist, sondern ein liebenswertes Drama mit einigen heiteren Momenten. 

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