Donnerstag, 26. Juni 2014

Oktober November

Auch auf die Gefahr hin, damit ein rundes Zwölftel der werten Leserschaft zu brüskieren: Der Unterschied zwischen dem Monat Oktober, immerhin auch der goldene genannt, und der Tristesse des Novembers ist ein gewaltiger. Ordnet man dem Oktober für gewöhnlich noch die besten Seiten des Herbstes zu, steht der November für jene deprimierende Leere auf dem Weg in den wahrhaftigen Winter, dem sich eine bescheidene Berechtigung kaum absprechen lässt.

Eine derart platte Dichotomie bemüht Oktober November von Götz Spielmann gar nicht erst. Der Niedergang verläuft in seinem neuen Drama eher schleichend und im Grunde bereits von Anfang der Erzählung an. Da lernen wir zunächst Sonja kennen, eine erfolgreiche Schauspielerin Mitte dreißig, der jedoch in der neuen Heimat Berlin der rechte Halt zu fehlen scheint, wenigstens zwischenmenschlich. Den hat ihre etwas ältere Schwester Verena durchaus vorzuweisen, sie ist mit Mann und Sohn in der österreichischen Heimat geblieben. Ihrem kürzlich verwitweten Vater zuliebe bewirtschaftet sie weiterhin den Gasthof der Familie, obwohl sich nur noch selten Gäste in das Alpendorf verirren. Als der greise Patriarch erkrankt, werden die gegensätzlichen Lebensentwürfe der Schwestern in der trüben Idylle miteinander konfrontiert.

Nora von Waldstätten als zunächst eher verschlossene Schauspielerin Sonja und Ursula Strauss als ihrerseits aus ihrer Rolle ausbrechende Verena verkörpern einerseits die Unterschiedlichkeit der beiden Frauen vortrefflich. Andererseits sind sie als Schwesternpaar und individuelle Charaktere mit letztlich sehr ähnlichen Sorgen ungemein glaubwürdig. Die Meisterleistungen der Hauptakteurinnen ergänzen der große Theatermime Peter Simonischek als Vater sowie Sebastian Koch im verhältnismäßig bescheidenen Part des Landarztes.

Nicht alleine über die sichere Führung der Darsteller vermittelt Spielmann überdurchschnittlich viele Nuancen der sicher wenig innovativen Grundstory. Aus dem doppelten Frauenportrait entwickelt sich schließlich die beklemmende Studie einer ganzen Familie mit großem Identifikationspotenzial. Auch um eine spielfilmische Veranschaulichung des Übergangs vom Leben in den Tod macht sich Spielmann verdient. Während die Bebilderung einer Nahtodempfindung noch etwas plakativ ausgefallen ist, erschüttert der Umgang mit dem tatsächlichen Sterben umso mehr. Indem der Film nicht nur in dieser Szenerie die schwierige Balance zwischen Konvention und Plausibilität findet, erweist sich Oktober November als beachtlicher Vertreter des österreichischen Gegenwartkinos.

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