Donnerstag, 26. Juni 2014

Locke

Gerade von Inszenierungen eigener Drehbücher ist das Phänomen bekannt, dass Geschichten auf dem Papier weitaus besser funktionieren als auf der Leinwand. Das mag mal am fehlenden Regietalent gelernter Autoren liegen, mal an der Verspieltheit mancher Herzensprojekte der Schreiberlinge. Ob Steven Knight sein Skript namens "Locke" gerne einem erfahrenen Regisseur überantwortet hätte, ist nicht bekannt. Nach Redemption verfilmt Knight nun erst zum zweiten Mal ein eigenes Buch. Renommee hat der Brite eher durch die Vorlagen zu Eastern Promises und Dirty Pretty Things erlangt, die eben von gestandenen Profis ihres Faches (David Cronenberg bzw. Stephen Frears) umgesetzt worden sind.

Mit Locke – der den "deutschen" Verleihtitel No Turning Back erhalten hat – kehrt sich dieses Phänomen um. In der Theorie klingt die Story arg trocken. Auf dem Heimweg von seiner Arbeit als Bauleiter eines gigantischen Hochhausprojektes trifft Ivan Locke eine folgenschwere Entscheidung. Anstatt zu seiner Frau und den beiden Söhnen zurückzukehren, macht sich Locke auf den Weg ins einige hundert Meilen entfernte London. Dort erwartet eine ehemalige Kollegin als Ergebnis eines One-Night-Stands mit dem Familienvater ein Baby. Über die Freisprechanlage seines Dienstwagens verwaltet Locke in den folgenden 90 Minuten Autofahrt den Umsturz seines bisher geregelten Lebens. Seiner Frau muss er die Untreue beichten, der Affäre Mut für die bevorstehende Entbindung zusprechen und seine Mitarbeiter durch die entscheidende Bauphase dirigieren. 

Was wie eine Fingerübung im dritten Semester des Regiestudiums anmutet, die allenfalls Kurzfilmlänge tragen sollte, geht in Knights Adaption durchaus auf. Locke ist ein spartanisches Kammerspiel, dessen Spannung die anderthalb Filmstunden spielend überdauert. Fast in Echtzeit entfaltet sich das dichte Portrait eines Mannes, der verzweifelt um die Ordnung seiner Existenz ringt. Die Kamera verbleibt dabei ausschließlich beim telefonierend-autofahrenden Protagonisten, den Tom Hardy mit subtiler Wirksamkeit spielt. Langweilig wirkt die Erzählung durch die kluge Dramaturgie, Hardys Präsenz und nette audiovisuelle Variationen nie. Alle Vor- und Parallelgeschichten bleiben der Fantasie des Zuschauers überlassen – mit dessen Bereitschaft, sich auf die Minimalistik des Films einzulassen, der Erfolg von Locke steht und fällt.

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