Montag, 2. Juni 2014

Edge of Tomorrow

Im Jahr 2006 startet im US-Fernsehen eine Serie, die einem radikalen Erzählmuster folgt. Die Handlung von "Day Break" trägt sich an einem einzigen Tag zu, den ein Polizist wieder und wieder durchlebt. Jede Folge zeigt eine neue Version des Tages, in der der Protagonist Erkenntnisse aus früheren Versionen zu nutzen versucht, um einen ihm angehängten Mord aufzuklären. Erfunden haben die Macher von "Day Break" die Idee des Time Loop, eines sich ständig wiederholenden Zeitabschnitts, sicher nicht. Bereits 1993 widerfährt Bill Murray in Groundhog Day die subjektive und zunächst sehr ungebetene Zeitschleife. Nach dem Vorbild von Kieslowskis Blind Chance (1981) lässt Tom Tykwer seine Lola 1998 zumindest dreimal durch die Straßen Berlins rennen.

Im Gewand eines Kriegsfilms variiert nun die Großproduktion Edge of Tomorrow die Storyidee. Als sich der PR-Offizier William Cage weigert, die bevorstehende Landung internationaler Streitkräfte an der Westküste Frankreichs propagandistisch zu begleiten, wird er als Deserteur zum Fronteinsatz gezwungen. Ohne jede Kampferfahrung hält Cage erwartungsgemäß nicht lange durch. Da der Protagonist von (einem gut erträglichen) Tom Cruise gespielt wird, beginnt mit dessen Tod aber natürlich erst die eigentliche Handlung. Denn kaum eine Augenblick später beginnt der Einsatz für Cage erneut – er befindet sich in einem höchst diffizilen Time Loop.

Nun ist das Setting von Edge of Tomorrow allerdings kein historisches und der übermächtige Feind, der halb Europa vereinnahmt hat, ohne nationalsozialistische Absichten im klassischen Verständnis. Stattdessen terrorisieren außerirdische Wesen die Erde – und mit deren ungewöhnlichen Fähigkeiten hat freilich auch die repetitiv-zirkuläre Verfasstheit der humanen Hauptfigur zu tun. Hilfe erhält Cage ausgerechnet von der, die sie "Full Metal Bitch" nennen, der Heldin der zuvor gewonnenen Schlacht gegen die Aliens, verkörpert von der großartigen Emily Blunt. Erstaunlicherweise kennt die Warrior Queen das Problem der Zeitschleife nämlich allzu gut und weiß, wie sich just damit überdies die Welt retten ließe.

Neben seinem durchgängigen Unterhaltungswert ist Edge of Tomorrow – wie jede gute Time-Loop-Adaption – auch ein Meta-Werk über die Möglichkeiten belletristischer Erzählung. So gestaltet Regisseur Doug Liman (Bourne Identity) die unaufhörlichen Zeitsprünge in launiger Manier, aber auch mit einem sicheren Gespür für deren immenses narratives Potenzial. Die kreative Vielfalt verschiedener Ausprägungen des eigentlich Gleichen steht dabei nicht nur sinnbildlich für individuelle Adaptionen einer identischen Vorlage, sondern auch für die Selbstähnlichkeit wenig innovativer Hollywood-Stoffe überhaupt.

Die Serie "Day Break" wird seinerzeit bereits nach einer halben Staffel wieder eingestellt. Sechs Variationen ein und desselben Tages erscheinen dem amerikanischen Fernsehpublikum offenbar genug. Mag sein, dass das Konzept dem durchschnittlichen Anspruch der allabendlichen Wohnzimmerberieselung nicht Genüge tut. Zwei unterhaltsame Kinostunden erscheinen da eine geeignetere Plattform des verspielten Konzeptes.

Keine Kommentare: