Sonntag, 25. Mai 2014

Enemy

Ein Film, aus der Zeit gefallen. Alleine das surrealistische Werbeplakat wirkt wie aus den experimentellen Sechzigern. Auf gelbem Grund sind darauf die Konturen eines Mannes gezeichnet, dessen Kopf sich in kleine Partikel zu zerstäuben scheint. In schönem Retro-Font prangert zwischen dieser verstörenden Figur und deren heruntergeklapptem Spiegelbild der Titelschriftzug. Harmloses Unterhaltungskino darf man von Enemy da nicht mehr erwarten.

In wenig naturalistischen Gelbtönen ist passenderweise auch die Optik des Thrillers gehalten. Dissonante Klänge, oft bedrohlich basslastig, ergänzen die abjekte Ästhetik auf der akustischen Ebene. Jake Gyllenhaal ist in Enemy in einer Doppelrolle zu bestaunen, auch dies plakativ durch die Spiegelmetapher angekündigt. Primär spielt er den Geschichtsdozenten Adam, der ein geordnetes, eher eintöniges Dasein fristet. Auf Empfehlung eines Kollegen sieht er sich einen Spielfilm an, in dem Adam einen Nebendarsteller entdeckt, der ihm selbst zum Verwechseln ähnelt. Als er seinen Doppelgänger, den extrovertierteren Schauspieler Anthony, ausfindig macht, führt das zu weiteren Merkwürdigkeiten, in die bald auch die jeweiligen Partnerinnen (u.a. Mélanie Laurent) verstrickt sind.

Nach Prisoners legt der französische Regisseur Denis Villeneuve mit Enemy seinen zweiten englischsprachigen Film vor. Dem geordneten, aber ungemein dichten Thriller lässt Villeneuve nun ein kleineres und doch extravaganteres Werk folgen. Verunsicherung erlebt nicht nur die (doppelte) Hauptfigur der Filmhandlung, sondern mit ihr auch der Zuschauer, dessen Mitdenken zur Lösung des Rätsels elementar ist. Vollends begreifen wird man den geschickt verborgenen Sinn erst beim zweiten Sehen, die erste Sichtung bietet demgegenüber einige veritable Überraschungsmomente.

Enemy ist ein Film von der Sorte, von der man hatte befürchten müssen, sie sei mit den amerikanischen Mystery-Autorenfilmen um die Jahrtausendwende ausgestorben. Die umgreifende Paranoia erinnert an Aronofskys Pi (1998), die erzählerische Verspieltheit ähnelt Nolans Memento (2000), die düstere Atmosphäre ist etwa mit The Machinist (2004) vergleichbar. Daneben stehen für die Wagnis in mysteriöse Abgründe – zumeist der menschlichen Seele – natürlich auch die beiden Großmeister des Genres, David Lynch und David Cronenberg, Pate. Auch wenn man aus deren Filmen manches Stilmittel wiedererkennt, bleibt Enemy stets unvorhersehbar. Das ist gerade deshalb wichtig, weil auch das Doppelgänger-Thema sicherlich wenig neu ist. Wie virtuos und widersinnig Villeneuve diesen Topos variiert, ist dabei ebenso retro wie innovativ, ebenso notorisch wie intensiv.

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