Freitag, 4. April 2014

Snowpiercer

Anhänger des asiatischen Kinos werden bei dem Filmtitel The Host weniger an die harmlose Stephenie-Meyer-Adaption (2013) denken, die hierzulande als Seelen bekannt ist. Nein, der versierte Kenner des fernöstlichen Spielfilms wird sich zunächst an jenes großartige Monster-Movie gleichen Namens erinnern. Bereits sieben Jahre vor Andrew Niccols SciFi-Drama hatte der Südkoreaner Bong Joon-Ho mit The Host (im transkribierten Original: Gwoemul) seinen Ruf als einer der spannendsten Regisseure seines Herkunftslandes begründen können.

Die Endzeit-Vision Snowpiercer stellt nun gewissermaßen das internationale Debüt Bongs dar. Zwar besteht der Cast überwiegend aus bekannten Gesichtern des US-Kinos – Chris Evans, John Hurt und die entfesselte Tilda Swinton etwa. Gedreht wurde jedoch in Europa, hinter der Kamera wirkte ein bunt gemischtes Team aus aller Herren Länder. Auf die Beine gestellt hat diese Crew einen rasanten Actionthriller mit radikalem Ansatz: Nachdem die Erde durch eine menschengemachte Eiszeit unbewohnbar geworden ist, befinden sich die letzten Überlebenden unserer Spezies in einem futuristischen Hochgeschwindigkeitszug auf unentwegter Fahrt. Genau ein Jahr benötigt der Snowpiercer, indem er sich durch die Kälte fräst, für eine Erdumrundung.

Zunächst verschreibt sich Bongs Film ganz dem Inneren des Zuges, in dem eine strikte Zwei-Klassen-Gesellschaft herrscht. Während im vorderen Teil eine selbst ernannte Elite in materiellem Überfluss schwelgt, fristen am Zugende hunderte Menschen ein erbärmliches Dasein. Als die Unterdrückten den Aufstand wagen, hat das für alle Reisenden fatale Folgen. Parallel mit dem Fortschritt der Aufbegehrenden in Richtung des eisbrechenden Triebwagens steigt indes die Frequenz narrativer Momente, die auch wertungsfrei nur eigentümlich genannt werden können. Die wiederholten Gewaltausbrüche, die aus der ohnehin schroffen Gangart des Films herausstechen, gehören da noch zu den eingängigeren Aspekten der Dramaturgie.

Mit der personellen Unterstützung aus Hollywood hat sich Bong eben nicht in die Konventionen amerikanischer Erzählmuster drängen lassen. Das ist, gerade bei zunächst in ihrem ganz individuellen Stil erfolgreichen Filmemachern, keineswegs selbstverständlich. Wie oft haben ausländische Regisseure bei ihren ersten Versuchen, den US-Markt zu erobern, ihre Bildsprache erschreckend bereitwillig den (vermeintlichen) Sehgewohnheiten des dortigen Publikums angepasst! Dieses fragwürdige Opfer bringt Bong mit Snowpiercer ganz gewiss nicht. Den Mut zur Eigenständigkeit wird er mit der fehlenden Bereitschaft einer gewissen Zuschauergruppe, die auf eben jene bekannten Muster beharrt, bezahlen.

Ebendiese Gefahr hat, so scheint es, auch Harvey Weinstein erkannt. Für das amerikanische Publikum soll der mächtige Produzent, dessen frühe Verleihzusage durchaus als indirekte Mitfinanzierung des Projektes verstanden werden kann, seine berüchtigte Schere angesetzt haben: Um den Film auch für den Ottonormalzuschauer in Iowa und Oklahoma zugänglich zu machen, wolle Harvey "Scissorhands" diesen um bis zu 20 Minuten kürzen lassen, heißt es. Das wäre – ganz abgesehen von der eklatanten Fragwürdigkeit dieser Praxis überhaupt – im vorliegenden Fall besonders fatal. Mit großer Wahrscheinlichkeit würde eine solche Zensur eben jene Eigenart des Filmes tilgen, die Snowpiercer von seinen Genregevattern abhebt.
In Deutschland ist Bong Joon-Hos Werk glücklicherweise in seiner zweistündigen Originalfassung zu sehen. Dass diese mancher westlichen Sehgewohnheit doch deutlich widerspricht, sollte jeden aufgeschlossenen Kinogänger nicht verschrecken – sondern freuen.

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