Mittwoch, 5. Februar 2014

Dallas Buyers Club

Es ist das Dilemma aller an den gesellschaftlichen Rand Gedrängten: Wie sich gegenüber dem Mainstream behaupten, ohne dabei das eigene angebliche Anderssein weiter zu zementieren? Gibt sich etwa das queere Kino zu schrill, reichen die Bedenken schnell von der (vermeintlich) selbsterfüllenden Prophezeiung bis zur (ungewollten) Affirmation der ach so furchtbaren Diskrepanz. Die grundsätzlich negative Konnotation des 'Anderen' bleibt bei all diesen Überlegungen natürlich ebenso frappierend wie unsinnig.

Jean-Marc Vallée begegnet dieser Problematik mit seinem wichtigen Spielfilm Dallas Buyers Club zweifach. Zum einen bietet seine Erzählung einen denkbar cleveren personellen Zugang – den eines krass homophoben Cowboys nämlich. Im Texas Mitte der Achtziger hat Ron Woodroof, der sich, in Erfüllung aller Klischees, in der Ölförderung und Rodeo-Shows verdingt, für Schwule und Lesben nur Hohn und Spott übrig. Als ihn nach einem Arbeitsunfall die Diagnose ereilt, nicht nur HIV-positiv, sondern auch an AIDS erkrankt zu sein, kann Ron das kaum fassen: Wie kann ihn, der er doch keine "Schwuchtel" ist, dieses Stigma treffen?

Dallas Buyers Club ist andererseits in seinem Erscheinungsbild, in seinem gesamten Gebahren derart unprätentiös, dass Sensationalismus und Betroffenheitskitsch im Keim erstickt werden. Sicherlich, die Wandlung des Schwulenhassers zum Aktionisten der Ausgegrenzten folgt mancher Konvention der Hollywood'schen Charakterentwicklung. Wie sich diese schmerzhafte Reise jedoch vollzieht, schildert der Film so nüchtern, dass sich daraus immer wieder ein sehr ehrlicher Humor entfaltet. Gerade die Distanz ergibt dabei eine empfundene Nähe. 

Die Abfälligkeiten, die der wunderbare Matthew McConaughey auch dann noch von sich südstaatelt, als Ron die titelgebende Privat-Medikamentenausgabe längst ins Leben gerufen hat, halten seine erstaunliche Läuterung am Boden der Tatsachen. Auf eben denen beruht das großartige Drehbuch von Melisa Wallack und Craig Borten, erstaunlich genug, dennoch. Gemeinsam mit Drag Queen Rayon bietet Ron an AIDS Erkrankten hilfreiche Präparate ohne Zulassung an. Das skurrile Duo wird damit zu einem gehörigen Dorn in den Augen nicht nur der schulmedizinischen Hilflosigkeit, sondern bald auch der zuständigen Gesundheitsbehörde.

Jared Leto als cross-dressende, höchst fatalistische Rayon gebührt ebenso großer Respekt wie McConaugheys einzigartiger Verkörperung der Hauptrolle. Dessen Ron bleibt, trotz aller Pionierarbeit, um die er sich beinahe widerwillig verdient macht, ein ziemliches Arschloch – und das ist strategisch verdammt gut so. Dallas Buyers Club schert sich wenig um das Mitleid des Zuschauers. Und eben deshalb schafft der Film umso mehr Verständnis, im eigentlichen Wortsinn. Der in die neue Profession gezwungene Ron ist mindestens ebenso 'anders' wie der vermeintliche Paradiesvogel Rayon. Anderssein, das wird hier deutlich wie selten, definiert Sympathie und Antipathie gleichermaßen – mit sexueller Orientierung hat das aber eben nicht im Entferntesten zu tun.

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