Samstag, 25. Januar 2014

Der blinde Fleck

Lee Harvey Oswald. Sirhan Sirhan. James Earl Ray. Glaubt man den jeweiligen offiziellen Verlautbarungen, sind diese Herren bekannte Einzeltäter – die alleinigen Mörder der Kennedy-Brüder beziehungsweise Martin Luther Kings. "Lone Nuts" nennt man in den USA solche Figuren der Zeitgeschichte. Andere sehen in ihnen dagegen vor allem Sündenböcke. Zu all diesen Mordfällen – und vielen mehr – halten sich hartnäckig alternative Erklärungen der Tathergänge, die weitere Personen einschließen und die Spötter gerne als Verschwörungstheorien diskreditieren. Die jüngste Kontroverse im deutschsprachigen Raum, in der sich die Idee des einzelnen Psychopathen und die Behauptung einer Kollektivtat gegenüberstehen, ist der Fall Kampusch, an dessen Einzeltäterthese weiterhin Zweifel bestehen.

Verstrickungen in höchste politische und nachrichtendienstliche Kreise (sofern sie eine Mittäterschaft insinuieren) stehen in der Causa Wolfgang Přiklopil immerhin nicht ernsthaft zur Debatte. Anders verhält es sich in der Frage, wer hinter dem folgenschweren Anschlag auf das Münchner Oktoberfest im September 1980 steckt. Der Mann, der hier in gänzlicher Eigenregie gehandelt haben soll, hieß Gundolf Köhler. Er selbst lässt sich zur Sache nicht mehr anhören, denn wie alle Vorgenannten lebt er nicht mehr. In seinem Spielfilm Der blinde Fleck rollt Daniel Harrich den Fall nun neu auf, basierend auf dem Buch des Journalisten Ulrich Chaussy, der eine gewisse Obsession mit den Hintergründen der Bluttat kaum abstreiten kann.

Benno Fürmann verkörpert Chaussy, der rund drei Jahre nach dem Unglück auf erhebliche Ungereimtheiten in dem soeben von der Bundesanwaltschaft für definitiv erklärten Ablauf der Tat stößt. Die Feststellung, Köhler habe als isolierter Verwirrter agiert, erscheint für Chaussy bereits nach der Befragung zweier Augenzeuginnen unhaltbar. Als ihm ein Vertrauter des bayrischen Verfassungsdienstchefs, den wiederum Heiner Lauterbach spielt, interne Ermittlungsakten zuspielt, erhärtet sich der Verdacht einer weiträumigen Vertuschung der tatsächlichen Vorgänge. Insbesondere die Verbindungen Köhlers zur kurz zuvor verbotenen rechtsextremistischen Wehrsportgruppe Hoffmann scheinen von höchster Stelle systematisch heruntergespielt worden zu sein.

Dass die Suche des BR-Reporters nach der Wahrheit bald zu einer persönlichen Besessenheit führt, ist auch filmisch hinlänglich bekannt. Nicht nur in dieser Hinsicht steht Oliver Stones Klassiker JFK Pate, jene brillante Demontage der Behauptung, Lee Harvey Oswald habe den Präsidenten im Alleingang töten können. So erträgt in Der blinde Fleck Chaussys Frau (Nicolette Krebitz) den manischen Eifer ihres Mannes schließlich nicht mehr, während auch dessen Leib und Leben zunehmend in Gefahr gerät. In der weitgehend schnörkellosen Regie Harrichs bleiben diese Unvermeidlichkeiten jedoch stets glaubhaft. Zudem wird die Argumentation immer wieder durch dokumentarische Aufnahmen untermauert – auch bei dieser Technik mag Stone als Vorbild fungiert haben.

Im Vergleich zu anderen dubiosen Mordfällen der Weltgeschichte ist die Gräueltat von München, die 13 Menschenleben und Hunderte zum Teil schwerste Verletzungen gefordert hat, als Stoff für die kinematografische Aufarbeitung recht dankbar. Zu abstrus und abwegig erscheint nicht erst aus heutiger Sicht der offiziell kolportierte Hergang. Umso erstaunlicher und auch bedeutsamer, dass nun erst mit dem solide umgesetzten Der blinde Fleck ein Spielfilm vorliegt, der die Zweifel an der Einzeltäterschaft Gundolf Köhlers unmissverständlich zur Schau stellt.    

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