Montag, 11. November 2013

Blue Jasmine

Die Wahl des Bildformates ist für jeden Filmemacher eine Grundsatzentscheidung. Umgekehrt trägt das sichtbare Seitenverhältnis für den Zuschauer einige Anhaltspunkte in sich, was von einem Film zu erwarten ist. Seit vielen Jahrzehnten werden Kinofilme fast ausschließlich im normalen Breitwandformat (Verhältnis Breite:Höhe = 1,85:1, entspricht annähernd 16:9) oder im noch breiteren Cinemascope-Format (1:2,35) gedreht. Dem anamorphotischen Cinemascope eine tendenziell größere, dem Widescreen-Standardformat eine kleinere Dimension der Erzählung zuzuordnen, ist eine im Detail problematische Vereinfachung, dient als grundsätzliche Orientierung jedoch durchaus.

In der Tat überwältigt etwa eine große Mehrheit aller Western mit der Weite des Cinemascope, während Woody Allen hingegen fast alle seiner Werke in Breitwand gefilmt hat. Insofern lässt sich dessen 45. Kinoregie Blue Jasmine bereits nach wenigen Augenblicken als Besonderheit im gigantischen Oeuvre Allens identifizieren. Erstmals seit Anything Else vor exakt zehn Jahren (und zum erst vierten Mal insgesamt) erscheint eine Arbeit des New Yorkers im – vermeintlich – für ausladende Epen reservierten Format. Zumindest in der betrachteten sozialen Klasse ist Allens neuester Streich in der Tat etwas kühner dimensioniert: Großartig spielt Cate Blanchett eine Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs, die soeben ihrem sorglosen Upper-Class-Dasein den Rücken hat kehren müssen, das der Film in Rückblenden nachzeichnet.

Die Gegenwart von Blue Jasmine ist dagegen auch räumlich deutlich enger gefasst. Nach der Festnahme und dem Freitod ihres Mannes, der nur dank zwielichtiger Geschäfte zu Reichtum gelangt war, sieht sich die Protagonistin zu ihrer Familie nach San Francisco gezwungen. Der Kontrast vom Glamour Manhattans zum bescheidenen 3-Zimmer-Apartment der Schwester könnte für Jasmine kaum krasser ausfallen. Die britische Ulknudel Sally Hawkins beweist als in vergleichsweise einfachen Verhältnissen lebende Mutter, dass sie sich auch äußerst glaubwürdig auf amerikanischen White Trash versteht. Wenn hier also die kürzliche Millionärsgattin auf Hawkins' denkbar bodenständige Pflegeschwester Ginger trifft, kann das nur zu allerlei Allen'schen Konflikten führen.

Wie sich Jasmine widerwillig in den Niederungen der arbeitenden Bevölkerungsschicht zurechtzufinden versucht und dabei auch Gingers Leben gehörig aufmischt, erfolgt in erwartungsgemäßen, aber dennoch sehr ernsthaft ausgeloteten Bahnen. Auch dank der guten Darsteller – Alec Baldwin gibt den verschiedenen Ehemann, alle Nebenrollen sind überdurchschnittlich besetzt – gestalten sich die üblichen Verwicklungen unterhaltsam, glaubwürdig und phasenweise regelrecht mitnehmend.
Vom Cinemascope-Format nutzt Allen nicht die Weite spektakulärer Totalen, sondern den anderen großen Vorteil des schmaleren Bildausschnittes – die kontrastreicher aufgeteilten Bildräume, die die inneren und äußeren Konflikte der Figuren zusätzlich veranschaulichen. Blue Jasmine, der erst zweite wieder in der Heimat des Altmeisters gedrehte Film der letzten Jahre, ist einer der belangvolleren und auch besseren dieser Schaffensphase Woody Allens.

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