Freitag, 11. Oktober 2013

The Butler

Kollektivschuld. Ein großes Wort. Ein wichtiges Wort, untrennbar mit der Geschichte dieses Landes verbunden. Das von der heutigen Enkel-Generation langsam, aber mit zunehmender Notwendigkeit hinterfragt wird. Hinterfragt werden muss – einen aufgeklärten Zugang, ein sehr differenziertes Bewusstsein zwingend vorausgesetzt.
In den USA kann es, alleine aus reinen Gründen des auch zeitlich geringeren Abstandes, längst nicht soweit sein. Die amerikanische Seele bleibt zutiefst betrübt. Auch in der zweiten Amtszeit des ersten afroamerikanischen Präsidenten der weit über zweihundertjährigen Landeshistorie kann der darin tief verwurzelte rassistische Makel mitnichten als überwunden bezeichnet werden.

Im Gegenteil: Wenn Regisseur Lee Daniels, vor rund drei Jahren mit dem erschütternden Precious ins Licht der Öffentlichkeit getreten, nun die Leidensgeschichte des schwarzen Amerikas in einen zweistündigen Spielfilm packt, ist das ein Paukenschlag. Leider. Die immense Kraft, die von The Butler ausgeht, ist freilich nicht alleine dem beschämenden Desiderat geschuldet, das der Themenkomplex immer noch darstellt. Lees Werk ist auch filmisch ein neuerlicher Geniestreich von unnachgiebiger Sogwirkung, wenn auch mit gänzlichen anderen Mittels als der visuell entfesselte Vorgänger. Vordergründig erzählt der Film vom Leben des Cecil Gaines – eines Afroamerikaners, der 34 Jahre lang als Butler nicht weniger als acht Präsidenten dient.

Cecil Gaines ist eine fiktive Figur. Und doch hat der Protagonist in Eugene Allen eine sehr reale Entsprechung. Der wesentliche Unterschied zum Wirken des inspirierenden Vorbilds besteht in The Butler in der Rolle dessen Sohnes – der die Figurenkonstellation gleichzeitig um den entscheidenden dramaturgischen Kniff bereichert. Im Film schließt sich der Filius nämlich der schwarzen Protestbewegung an, während Vater Cecil im Weißen Haus stumm Tee serviert. Diesen harten, sinnbildlichen Kontrast ergründet Daniels mit sorgfältiger Virtuosität. Ob in konkreten Parallelmontagen – wie in der allerstärksten Szene im Mittelteil des Films – oder in den gröberen, stets klugen Szenenwechseln komponiert der Regisseur eine denkbar differenzierte afroamerikanischen Perspektive der Geschehnisse, die auch interne Auseinandersetzungen nie scheut.

Ganz und gar nicht nebenbei galoppiert Daniels gleichzeitig durch die Jahrzehnte, sämtliche relevanten politischen Wegmarken eingeschlossen. Keinen Regierungschef lässt der Film aus, sondern widmet jedem Amtsinhaber mindestens eine prägnante Episode. Die Vollständigkeit geschieht zwangsläufig zulasten einer – ohnehin kaum erreichbaren – Gründlichkeit. Profunde Kenner der nordamerikanischen Historie werden sich beizeiten dieses oder jenes Detail herbeiwünschen, ganz fraglos. Als überblickende Einführung in die zweite Hälfte des vergangenen Zentenniums darf The Butler aber auf direktem Wege Einzug in jeden Mittelstufen-Geschichtsunterricht erhalten – so stark ist auch der didaktische Charakter der Erzählung.

Und dann diese Besetzung. Die geradezu obszön bestückte Darstellerriege stellt jeden Filmkritiker vor ein ernsthaftes Platzproblem. Forest Whitaker in der Titelrolle ist, fast unnötig zu erwähnen, gigantisch. Auf seinem Antlitz alleine spielt sich eine Vielfalt an inneren und äußeren Konflikten ab, die man andernorts in gesamten Filmen vergeblich sucht. Wer im kommenden Jahr auf den Oscar des besten männlichen Hauptakteurs spekuliert, muss sich an Whitakers atemberaubender Performance messen lassen. Auf der Bühne des Dolby Theaters dürfte sich im nächsten Frühjahr auch Oprah Winfrey als Gaines Ehefrau Gloria wiederfinden. Winfreys erste größere Kinorolle in 15 Jahren (seit Jonathan Demmes Beloved nämlich) ist ein weiterer Glücksgriff. Wie intensiv und dankenswert widersprüchlich die bekannteste Talkmasterin der Welt die Ehefrau des Protagonisten mit Leben füllt, ist ebenso erschreckend wie faszinierend.

Aus der illustren Runde der übrigen SchauspielerInnen, deren Parts man sich kaum Nebenrollen zu nennen traut, lassen sich allenfalls die erinnerungswürdigsten Highlights herauspicken. Vanessa Redgrave etwa als Plantagenbesitzerin, David Oyelowo in der Rolle des rebellischen Sohnes – und natürlich die kinnladenentriegelnde Präsidentenparade, zu der unter anderen Robin Williams als Eisenhower, John Cusack als Nixon sowie Alan Rickman und Jane Fonda als Ehepaar Reagan gehören.

Exakt 40 ProduzentInnen hat es gebraucht, The Butler zu realisieren. Das ist bezeichnend. Auch im Jahr 2013 bildet eine echte Innenansicht aus der Inbrunst des Black America die Ausnahme der weiterhin von stupiden weißen Männern aufgestellten Regel. Das ist die traurige Wahrheit. Daniels mächtiger Film beschämt zutiefst. Er ist auf ganz aufrichtige Art und Weise rührseliger als jedes Melodram. Wie gut, dass er auch ein wundervolles Kunstwerk darstellt. So darf man Lee Daniel's The Butler – das der vollständige offizielle Titel – reinen Gewissens eine Ausnahmeerscheinung sondergleichen nennen.

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