Sonntag, 22. September 2013

Room 237

Zumindest in der Filmwissenschaft genießt die Hermeneutik einen etwas zweifelhaften Ruf. Die hermeneutische Filmanalyse setze sich, so ein gängiger Vorwurf, schamlos über jede Absicht der Filmemacher hinweg und stülpe seinem Gegenstand vorgefertigte, mithin haarsträubende Meinungen über. Pauschal lässt sich dieses Urteil freilich kaum halten, zumal es in der Hermeneutik bereits seit einiger Zeit eine Strömung des Intentionalismus gibt, die sich eben das Aufspüren der Vorhaben der Auteurs zur Aufgabe gemacht hat. Aber der Fall ist ohnehin komplexer.

Rodney Aschers nahe am Experimentalfilm angesiedelte Dokumentation Room 237 macht Variationen der – nicht nur hermeneutischen – Auslegung von Spielfilmen anschaulich. Der Übersicht halber beschränkt sich Ascher auf ein einziges Anschauungsobjekt, das es allerdings in jedem Sinne in sich hat. Stanley Kubricks The Shining von 1980, gemeinhin als Meilenstein oder gar Meta-Werk des Horrorgenres verstanden, bildet den Ausgangspunkt für insgesamt fünf verschiedene Interpretationsansätze, die der Film vorstellt. Die Methodik Aschers ist vergleichsweise radikal: Die fünf Ausleger aus unterschiedlichen Disziplinen sind lediglich in Form von Off-Kommentaren zu hören, auf gefilmte Talking Heads verzichtet er gänzlich. Die visuelle Ebene von Room 237 besteht wiederum ausschließlich aus zitierten Filmpassagen, garniert mit einer Handvoll erläuternder Animationen. In seiner gigantischen Collage verbaut Ascher jedoch keineswegs nur gerade besprochene Ausschnitte aus Shining, sondern instrumentalisiert zahllose weitere Spielfilme – nicht nur Kubricks – in Korrespondenz mit dem gesprochenen Text. Wer je geglaubt hat, Dokumentarfilme enthielten sich der Suggestion, dürfte sich spätestens hiermit geläutert wähnen.

Abgesehen vom unbestreitbar manipulativen Gestus der Montage – was keineswegs negativ gemeint ist –, bedient sich Ascher somit einer Neuverknüpfungstechnik, die der Methodik der portraitierten Interpreten sehr ähnlich ist. Das sollte klarstellen, dass Ascher auf seine Exegeten und deren Theorien keineswegs herablassend blickt. Dennoch scheint ein gelegentliches Schmunzeln über die manchmal arg abstrusen Auslegungen unvermeidlich. Wenn etwa beliebig mit Ziffernsymbolik hantiert wird, einschließlich der Zimmernummer des Titels, erinnert das rasch an krude Verschwörungslogik. Höhepunkt der Abwegigkeiten ist das vermeintliche Phallussymbol, das einer der Interpreten im Zuge der – fraglos vorhandenen – sexuellen Untertöne bei Kubrick entdeckt zu haben glaubt.

Room 237 ist andererseits reich an spannenden Entdeckungen, die Shining tatsächlich nochmals vielschichtiger erscheinen lassen, als das Werks des Großmeisters nach bisherigem filmwissenschaftlichen Stand bereits gegolten hatte. Und da Kubrick als perfektionistischer Pedant unzweifelhaft bekannt ist, sollte man sich manche Seufzer wohl verkneifen. Insbesondere die historischen und architektonischen Implikationen, auch wenn sie an vermeintlichen Nebensächlichkeiten festgemacht werden, erscheinen oft plausibel. Aber auch unabhängig von der Glaubwürdigkeit einzelner Argumentationen darf eines nicht vergessen werden: Als einzig "richtige" Lesart eines Films die Absicht des 'Autors' – wer immer diese Instanz überhaupt ausfüllen mag – zu setzen, ist reichlich naiv. Der konkrete Film ist nichts ohne einen Zuschauer. Dessen Rezeption gehört zum Wesen des Films ebenso wie die Herstellung. "Falsche" Interpretationen gibt es demnach nicht – kuriose freilich schon.

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