Donnerstag, 26. September 2013

Not Fade Away

In einer durchschnittlichen amerikanischen Kinoproduktion nennenswerter Größenordnung entfällt auf das Arbeitsgebiet des Music Supervisors selten mehr als ein Prozent des Budgets. In der Auswahl und rechtlichen Sicherung der verwendeten Titel stellt das die Experten zumeist vor eine anspruchsvolle, von vielen Kompromissen geprägte Aufgabe. Im Fall des Films Not Fade Away konnte der für die Musikauswahl verantwortliche Steven Van Zandt über ein stolzes Zehntel des gesamten Finanzrahmens verfügen - und somit über immerhin zwei Millionen US-Dollar.

Die ungewöhnlich hohen Ausgaben für Songrechte zahlen sich unverkennbar aus: Das späte Kinofilmdebüt von "Sopranos"-Schöpfer David Chase wartet mit einer beeindruckenden Rock-n-Roll-Lineup auf – dem vordergründigen Schauwert von Not Fade Away. In einem New Yorker Vorort der 1960er Jahre schließt sich der knapp 20-jährige Douglas einer Band nach dem Vorbild der gerade omnipräsenten Beatles und Stones an. Doch statt eines ähnlich schnellen Erfolges bringt das gemeinsame Musizieren allerlei familien- und bandinterne Reibereien hervor. Auch Douglas' Aussichten auf die hübsche Grace erweisen sich zunächst als wenig realistisch. Als sich der Schlagzeuger notgedrungen in der Rolle des Lead-Sängers versuchen darf, werden die Karten neu gemischt.

Getragen von den weitgehend unbekannten Darstellern John Magaro und Bella Heathcote entwickelt der Film aus diesem altbekannten Handlungsmuster eine seltene Stimmigkeit und Überzeugungskraft. Neben der musikalischen Odyssee vollzieht Not Fade Away auch die gesellschaftlichen und politischen Umbrüche der Zeit subtil, aber unmissverständlich nach. Im Herzen des schönen Dramas sitzt derweil eine Coming-of-Age-Erzählung, deren familiäre Konstellationen außergewöhnlich glaubhaft und mitnehmend wirkt. In seiner klugen Momentaufnahme der Schwelle zum Erwachsensein lässt sich der Film durchaus mit dem grandiosen Perks of Being a Wallflower aus dem Vorjahr vergleichen.

Und dann ist da noch ein Level, ein ungewolltes und sehr trauriges. Not Fade Away markiert eine weitere Station der Abschiedstournee des in diesem Jahr verstorbenen James Gandolfini. Obwohl nur in der vergleichsweise kleinen Rolle des Vaters des Protagonisten, ist der drittletzte Auftritt Gandolfinis ein sehr sehenswerter. Das ist auch Chase' emphatischer Inszenierung zu verdanken, die Vertrautheit aus gemeinsamen "Sopranos"-Zeiten scheint förmlich greifbar. Wie sich die Kamera am Ende behutsam von Gandolfini entfernt, wirkt gespenstisch wie eine ehrfürchtige Verabschiedung.

In den USA wurde Not Fade Away freilich bereits ein halbes Jahr vor dem Tod Gandolfinis veröffentlicht. Dass der kurzen Kinoauswertung in Übersee jeglicher Erfolg versagt blieb, ist angesichts der unauffälligen Story und der unbekannten Hauptakteure kaum ein Wunder. Aber es ist ein umso größerer Jammer. Bleibt zu hoffen, dass sich David Chase' Film wenigstens hierzulande als kleines Programm- und Heimkinojuwel festbeißen kann.

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