Sonntag, 11. August 2013

Lone Ranger

Was mit Piraten funktioniert, kann auch mit Cowboys und Indianern nicht schiefgehen. Frei nach diesem ungefähren Motto bricht "das erfolgreichste und kreativste Dreiergespann der Kinogeschichte" zu neuen Ufern der Massenunterhaltung auf. Der See, aus dem die gleich zusammengesetzte Mannschaft weiterhin schöpft, bleibt derselbe, lediglich das Vehikel ist ein anderes. Auch wenn sich selbst der wirtschaftliche Superlativ der von Disney beauftragten PR-Agentur fast beliebig widerlegen lässt, ist dem gemeinten Trio ein Gespür für Kassenschlager kaum abzusprechen. Die Rede ist von Kapitän Jerry Bruckheimer, Steuermann Gore Verbinski und dem Ersten Offizier Johnny Depp.

Doch im Grunde hat die Metapher, die hier für einen Produzenten, einen Regisseur und einen Schauspielstar herhalten muss, mit dem vierten und (bisher) letzten karibischen Piratenabenteuer On Stranger Tides (2011) ausgedient. Anstatt auf den Weltmeeren lassen die drei ihre neue Mär im Wilden Westen austragen, die "Pirates of the Caribbean" ersetzt ein ungleiches Heldengespann, das hierzulande unweigerlich an Winnetou und Old Shatterhand erinnert. In den USA sind der Indianer Tonto und der bleichgesichtige Ranger dank diverser Hörspiele, TV-Serien, Comics, Spielzeugfiguren und auch Filme weitaus bekannter. Der Disney-Konzern erscheint als neuer Rechteinhaber für die vielfältigen Vermarktungsmöglichkeiten der Franchise geradezu prädestiniert.

Der Zugang, den der rotzunsympathische Superproduzent Bruckheimer dem einsamen Rächer verordnet hat, ähnelt der 2003 von ihm initiierten Wiederbelebung des Piratenfilms auch über die personelle Besetzung hinaus verdächtig. Lone Ranger nimmt sich die ungleich renommiertere Westerngattung mit der gleichen Mixtur aus Hommage und Persiflage vor. Was "Bully" Herbigs Schuh des Manitu für die "Winnetou"-Tradition darstellt, besorgt Verbinskis Film - freilich mit dem fast 40-fachen Budget - als Rundumschlag im und für das gesamte Genre. Als Grundlage der Neuinterpretation dient erneut eine aufwendige, detailversessene Reproduktion des Bezugrahmens - sprich: das makellose Antlitz eines bierernsten Vertreters des Westernkinos. Wie bereits beim Fluch der Karibik entzündet sich der parodierende Ton an der von Johnny Depp gespielten Hauptfigur. Das dessen herrlich clownesker Tonto den Titelheld als Erzähler und faktischer Protagonist ablöst, gehört zu den wenigen vordergründigen Traditionsbrüchen.

Die zeitliche Verortung der Rahmenhandlung, aus der heraus der greise Apache seine Erlebnisse einem kleinen Jahrmarktbesucher berichtet, ist eine der vielen Reminiszenzen an die Ursprünge der Saga. In jenem Jahr 1933 wurde die Radioshow "Lone Ranger" erstmals ausgestrahlt. Auch der beliebten ABC-Fernsehserie der 50er Jahre zeigen sich Bruckheimer und Verbinski treu, zumal Armie Hammer in der Titelrolle sehr an die TV-Darstellung Clayton Moores erinnert. Hammer, in seiner Zwilling-Doppelrolle in Finchers Social Network 2010 erstmals in Erscheinung getreten, verkörpert den inneren Widerwillen des Juristen gegen die ihm aufgezwungene Flucht in die Gesetzlosigkeit glaubhaft. Noch wichtiger aber vielleicht, dass er auch komödiantisch gegen den erneut vollends entfesselten Kollegen Depp zu bestehen weiß.

Dessen durchaus tragikomischer Auftritt bildet wahrlich nicht den einzigen Schauwert von Lone Ranger. Helena Bonham-Carter und Tom Wilkinson etwa bereichern den vorzüglichen Cast, der gebürtige Frankfurter Hans Zimmer steuert seine bombastischste Komposition seit langem bei - in der auch die ikonische Wilhelm-Tell-Ouvertüre natürlich nicht fehlen darf. Auch die bei den Abenteuern Jack Sparrows perfektionierten, wieder mit purem Slapstick durchsetzten Actionsequenzen übertrumpfen sich allenfalls selbst.

Wer unter die durchgestylte Oberfläche des Films blickt, findet eine klassische Western-Erzählung, in der territoriale Konflikte eine besonders weitreichende Rolle spielen. Politisch korrekt erscheint der Weiße Mann als frühkapitalistischer Schurke, der die Rechte der Ureinwohner bestenfalls mit Füßen tritt. Ihre unterschiedlichen, in beiden Fällen gleichwohl persönlichen Motive lassen Tonto und den unfreiwilligen Freiheitskämpfer gegen einen ruchlosen Gegner antreten, der sich schließlich als mehr als ein vernarbter Haudrauf erweisen wird. Seltsam nur, dass man den titelgebenden Held durch seine keinesfalls reibungslose Union mit dem vermeintlichen Sidekick vieles nennen mag - bloß sicherlich keinen "Lone Ranger".

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