Montag, 5. August 2013

Frances Ha

Wer je von einem großen Filmfestival berichterstattet hat, kennt die Crux. Gerade ein paar Handvoll aus einem Meer des Angebots, die berühmte Qual der Wahl. Jeder Jahrgang hat daher seine gewissen Vertreter. Filme, die zweimal, dreimal in frühen Entwürfen des Folgetages auftauchen. Um dann doch wieder gestrichen zu werden, Konkurrenten weichen zu müssen. Oder einfach der in Planspielen so gerne unterschlagenen Nahrungsaufnahme.

Nur ein kleiner Teil dieser verhinderten Festivalbeiträge erweist sich als wahrhaft hartnäckig. Die den Gedanken, eine falsche Entscheidung getroffen zu haben, nicht verschwinden lassen wollen. Lobeshymnen mit besseren Instinkten ausgestatter Kollegen tun ihr Übriges. Über Filme wie Frances Ha von Noah Baumbach, im Panorama der Berlinale 2013 gezeigt. Schon die der Kurzbeschreibung stets beigefügte Momentaufnahme eine einzige Verheißung: Eine entfesselt umherwirbelnde Greta Gerwig, spätestens seit Baumbachs Greenberg ohnehin Feuilleton-Liebling, in bester Anita-Ekberg-Pose. In Schwarz-Weiß!

MFA+ Filmdistribution ist es zu verdanken, dass nun nicht nur reumütige Berlinale-Besucher Baumbachs Werk endlich nachholen können, sondern ein sicher begieriges Programmkinopublikum. Das wird die Fangemeinde von Frances, dem Film, und Frances, der Filmfigur, exponentiell erweitern. Und die der großartigen Greta Gerwig, die den Film förmlich besitzt. Nicht (nur), weil sie das Drehbuch gemeinsam mit Baumbach verfasst hat, sondern indem sie dessen Leinwandadaption wahrhaftig verkörpert. So wundervoll crazy, so herrlich erratisch agiert ihre Frances, dass man zumindest erahnen kann, wie vereinzelten - gerade weiblichen - Zuschauern dieser perfekte Anti-Perfektionismus schon wieder auf den Keks gehen kann.

Die Mehrheit wird Frances jedoch ohne jeden Zweifel zu deren baren Füßen liegen. Wird ihre sorglose Idiotie lieben, mit ihrer kindischen Verletzungsanfälligkeit leiden. Wird sich in den von Regisseur Baumbach lapidar eingefangenen Momentaufnahmen hier und dort wiederfinden. Wird begreifen, warum sich die junge Blondine in der flüchtigen New Yorks niemals zurechtfinden kann. Wird verstehen.

Als langjähriger Kollaborateur Wes Andersons gehört Noah Baumbach zu jener Riege amerikanischer Filmemacher, die sich den Skurrilitäten, aber eben auch den baren Wahrheiten menschlicher Existenzen verschrieben haben. Andersons entrücktem, oft grellem Zeichenstil steht dabei Baumbachs zurückgenommener Ansatz entgegen, der in Frances Ha dem italienischen Neorealismus erstmals auch ästhetisch ganz und gar verschrieben scheint. Wie wenig aufgesetzt die monochrome Optik dieser schönen Charakterstudie wirkt, ist die beiläufige Stärke des Films.

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