Sonntag, 25. August 2013

Feuchtgebiete


Uwe Boll ist so ein Fall. Sollte man sich über die neuste Film genannte Frechheit des Regisseurs redaktionell auslassen? Oder ihn besser mit Nichtbeachtung strafen? Darf man das selbst im Zuge eines minimalen journalistischen Pflichtverständnisses überhaupt? Auf den Kinostart eines neuen Boll-Machwerks kurz hinzuweisen, dabei aber den Namen des Urhebers auszulassen, ist ein denkbarer Kompromiss. Aber führt das nicht gerade dazu, dass aufmerksame Leser die Leerstelle eigenständig füllen – und legt dieser Kompromiss damit nicht das krachende Scheitern der beabsichtigten Marginalisierung an?

Der vorliegende Film ist keiner von Herrn Dr. Boll. Soweit bekannt, war er an dessen Produktion in keiner Weise beteiligt. (Daher die sorglose Nennung seines Namens.) Nein, dieser Fall, in dessen Fortschreibung man nur mit leichtem Unbehagen involviert sein mag, heißt "Feuchtgebiete". Der Bekanntheitsgrad der Autorin des 2008 mit heftigem Medienecho publizierten Romans dürfte nahe an dem von Sport- und Schauspielstars liegen. Gelesen haben will das vermeintliche Skandalwerk von Charlotte Roche kaum jemand – fragt sich, was mit den 2,5 Millionen bisher abgesetzten Exemplaren geschehen ist.

Dass "Feuchtgebiete" als gewollter Tabubruch angelegt ist, bestreit niemand, am wenigsten die Autorin. Den Tonfall des Buches stellt die Verfilmung von David Wnendt in der allerersten Szene recht unverblümt klar. Geplagt vom Juckreiz ihrer Hämorrhoiden, sucht die Protagonistin Helen ein heillos verdrecktes öffentliches WC auf, um als erste Amtshandlung sodann die Toilettenbrille mit ihrem Geschlechtsorgan "abzuwischen". Die Provokation des Ekels, so albern man sie konzeptionell auch finden mag, sie wirkt. Wie auch im Folgenden ergänzt das Voice-Over der schweizerischen Hauptdarstellerin Carla Juri die Spitzen der halbfreizügigen Inszenierung verbal. Prüde kann man dis Tonart des Films sicher nicht nennen, die – sehr wohlwollende – FSK-16-Einstufung erscheint jedoch bereits beim Dreh stets mitgedacht.

Einige durchaus positive Überraschungen bietet Wnendts Feuchtgebiete. So verrät die Adaption, dass Roches Roman über eine narrative Struktur verfügt, die sich als in der Tat spielfilmtauglich erweist. Freilich erschöpft sich diese in Zweierlei: erstens der elterlichen Scheidungsgeschichte Helens samt traumatischem Kindheitserlebnis und zweitens einem Krankenhausaufenthalt (infolge einer Analfissur) samt Anbandelung mit dem jungen Pfleger. In diesen keineswegs belanglosen Handlungsraum baut Wnendt die Auslassungen Helens/Roches über seltene Paarungspraktiken und noch seltenere Krankheitsbilder ein. Insgesamt lässt diese Reihung freilich weder eine wirkliche Virtuosität oder der bunte Strauß ambitionierter audiovisueller Spielereien eine klare Linie erkennen. Stattdessen etwas unnötige Dopplungen (etwa werden die Figuren per Einblendung und Off-Kommentar vorgestellt) und manches Klischee (etwa die fortgeschritten abgedroschene Musikauswahl).

Zurück zu den Annehmlichkeiten – Carla Juri insbesondere, die mit der gebotenen Furchtlosigkeit und Spielfreude agiert und eine echte Neuentdeckung genannt werden darf. Auch das Zusammenwirken Juris mit Christoph Letkowski, der den Pfleger gibt, wirkt unvermittelt und doch glaubhaft. Mit Meret Becker und Axel Milberg sind die Eltern Helens zudem prominent und durchaus passend besetzt. Auch die Professionalität der Darsteller trägt dazu bei, dass Feuchtgebiete die vielleicht offensichtlichste Falle umgeht – die Vorlage nämlich als rein infantilen Klamauk misszuverstehen. Man kann dem Film manches vorwerfen, eine deutsche Entsprechung zu American Pie ist er nicht.

Charlotte Roche wird nicht müde, die feministischen Intentionen ihrer Arbeit zu betonen. Bei aller Richtigkeit einzelner ihrer Anliegen bleibt die Wahl der skandalösen Form – sowohl des sprachlich gewöhnungsbedürftigen Textes als auch des öffentlichen Umgangs – fragwürdig. Wenn es Roche mit ihrer gesellschaftspolitischen Motivation ernst meint, sollte es ihr schwerfallen, an Wnendts Film Gefallen zu finden. Abgesehen von der unverkennbaren Männlichkeit des Blicks, die jenem Weckrufcharakter merklich zuwiderläuft, ist die aufklärerische Wirkung der Umsetzung mehr als zweifelhaft. Der Film Feuchtgebiete ist der Versuch einer poppigen, durchaus nicht plumpen Variation des Romans. Einer ernsthaften Verbreitung kritischen Gedankenguts lässt er aber in nur sehr überschaubaren Maße Raum. Roche stellt das vor ein Dilemma: Distanziert sie sich nicht von der filmischen Umsetzung, stellt das ihre Motive ernsthaft in Frage.
In Boll'schen Niederungen des Geschmacks, das lässt sich in allem Ernst bilanzieren, ist dieser Film dennoch nicht anzusiedeln.

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