Sonntag, 11. August 2013

42

In der gesamten Major League Baseball (MLB), der höchsten Spielklasse der Sportart in deren Mutterland USA, bestehend aus 30 Teams und rund 750 aktiven Profis, gibt es nur einen einzigen Spieler mit der Rückennummer 42. Mariano Rivera gilt als bester Closer in der Geschichte des Sports, als effektivster Ersatzwerfer, der eine späte Führung in einen Sieg zu münzen vermag. Der Relief Pitcher der New York Yankees wird zum Ende der laufenden Saison bereits 44 Jahre alt sein, es ist sein erklärtermaßen letztes Jahr im Spitzensport. Ab der kommenden Spielzeit wird die "42" auf dem Rücken keines MLB-Profis mehr prangern - mit einer entscheidenden Ausnahme: Am 15. April werden auch im nächsten Jahr sämtliche Spieler aller Teams unisono die "42" tragen. Denn im April feiert Amerika den Jackie Robinson Day

Mariano Rivera darf seine Nummer bis zum nahenden Ende seiner Karriere behalten, weil er sie bereits 1997 getragen hat - jenem Jahr, in dem die MLB-Offiziellen eine einmalige Entscheidung trafen: Die "42" wurde ligaweit retired, also für die Neuvergabe universell gesperrt. Was im US-Sport teamintern eine gängige Praxis der Huldigung ist, wurde zu Ehren Jackie Robinsons nochmals zugespitzt.
Riveras Schicksal ist mit dem Robinsons indes in einer weiteren, ganz entscheidenden Weise verbunden: Ohne den Wegbereiter, den Präzedenzfall Robinson hätte Rivera, der aus Panama stammt und dunkler Hautfarbe ist, wohl gar nicht erst die Chance erhalten, in der wichtigsten Konkurrenz des Baseballs mitzutun, in der er demnächst schier unerreichbare Rekordmarken hinterlassen wird.

Neben zahllosen weiteren Denkmälern hat Jackie Robinson nun endlich auch ein filmisches, das ebenso simpel wie treffend 42 betitelt ist. Die Doppelziffer ist nicht mehr und auch nicht weniger als ein Symbol. Ein Zeichen eben nicht nur für einen außergewöhnlich guten Baseballspieler, sondern für einen gesellschaftlichen Umbruch. Robinson war 1947 - am 15. April - der erste afroamerikanische Spieler in der MLB. Wie es dazu gekommen ist und warum der beschwerlichste Teil dieser Geschichte erst mit diesem Datum begonnen hat, erzählt Autor und Regisseur Brian Helgeland in seinem Spielfilm. Dabei beschränkt er sich zwar fast ausschließlich auf die Zeit der frühen professionellen Laufbahn Robinsons, reicht aber sowohl biografisch als auch gesellschaftspolitisch weit über den verhältnismäßig klein gewählten Ausschnitt hinaus.

Helgelands eigenes Drehbuch meistert den Spagat, einen glaubwürdigen historischen Sportfilm mit einer personalen Erzählung und einem eindringlichen Rassismusdrama zu verbinden, spielend. In der Umsetzung wählt der Regisseur eine stimmige Ästhetik in Erdtönen, die sportlichen Nachstellungen sind bedacht platziert und stets präzise. Hauptsächlich vertraut Helgeland jedoch der Kraft der Worte, 42 ist angenehm dialoglastig, ohne sich je in Banalitäten zu verlieren. Die Sicherheit der Adaption ist alleine deshalb kein Selbstläufer, weil Helgeland als Drehbuchautor (u.a. L.A. Confidential und Mystic River) renommiert, als Regisseur bisher jedoch mit allerlei Fragwürdigkeiten (u.a. A Knight's Tale und The Order/Sin Eater) in Erscheinung getreten ist.

Mit Chadwick Boseman ist die Titelrolle konsequenterweise unprominent besetzt. Dass der zuvor lediglich als TV-Serien-Darsteller in Erscheinung getretene Boseman den monumentalen Hauptpart von 42 ohne erkennbare Mühe schultert, ist eine mehr als achtbare Leistung. Ähnliches gilt für Nicole Beharie in der dankenswert ausgebauten Rolle von Robinsons Ehefrau. Harrison Ford, dem bekanntesten Schauspieler des Ensembles, gelingt eine schrullige Darstellung des Managers der Brooklyn Dodgers, der Robinson in die MLB holt. Optisch wirkt er wie eine Wiedergeburt des großen Sydney Pollack, seine Performance pendelt irgendwo zwischen Eastwood und Redford ein - wobei er Letzteren tatsächlich im Cast ersetzt haben soll.

Das verbindende Element von 42 hat viele Facetten. Neben der inhaltlichen Thematik der Ausgrenzung und zähen Versöhnung sowie dem dramaturgischen Balanceakt der Topoi und Genres gelingt Helgeland auch in der spielfilmischen Sportdarstellung Erstaunliches. In Sachen Baseball Unbedarften - die es gerade in Europa zuhauf geben dürfte - verkauft er die Ertüchtigung als schillernde Folie einer weit darüber hinaus relevanten Erzählung, macht bestenfalls gar Lust auf die hierzulande zu Unrecht als langweilig verschriene Sportart. Fans liefert Helgeland, und das ist keine Kleinigkeit, schlicht einen der gelungensten Baseball-Spielfilme überhaupt.

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