Samstag, 13. Juli 2013

We Steal Secrets: The Story of WikiLeaks

Die neue Dokumentation des amerikanischen Filmemachers Alex Gibney hat im non-fiktionalen Bereich überaus sehenswerte Vorgänger. Gibney zu verdanken ist die schonungslose Aufarbeitung des Enron-Skandals The Smartest Guys in the Room, der oscargekrönte Film über den so genannten Anti-Terror-Krieg Taxi to the Dark Side  sowie die erstaunliche Gonzo-Doku über The Life and Work of Dr. Hunter S. Thompson.

Mit We Steal Secrets: The Story of WikiLeaks zeichnet Gibney zwar zunächst auch die Anfänge und in Grundzügen die Entwicklung der Enthüllungsplattform nach. Methodisch konzentriert er sich jedoch klar auf die Schlüsselfiguren der Leaks zum "War on Terror". Insofern erscheint der Film eher als Portrait von Julian Assange, dem WikiLeaks-Gründer, Bradley Manning, dem mutmaßlichen Whistleblower der brisanten Informationen und Adrian Lamo, der Manning bei den Behörden angeschwärzt hatte. Probleamtisch ist diese Konstellation alleine, weil Gibney nur Lamo in eigens geführten Interviews zu Wort kommen lässt. Assange tritt dagegen ausschließlich in Ausschnitten diversen Fremdmaterials auf, Manning wird rein passiv portraitiert.

Als weit fataler als diese Ungleichbehandlung erweist Gibneys unverkennbare Vermischung privater und öffentlich relevanter Umstände. Insbesondere Assange gegenüber positioniert sich der Film äußerst kritisch, die Vergewaltigungsvorwürfe gegen den Australier werden durch Aussagen einer der beiden Beschuldigerinnen vehement untermauert - während der Bezug zur „Story of WikiLeaks“ vollkommen unklar bleibt. Im Falle Mannings verlegt sich Gibney in unverhältnismäßiger, grob fahrlässiger Weise auf dessen (vermeintliche) geschlechtliche Identitätskrise. Dessen Weitergabe der Beweise für die skandalöse Rolle der USA im „War on Terror“ wird somit als offenbar pathologische Charakterschwäche verunglimpft. Die Möglichkeit einer mutigen Gewissensentscheidung Mannings zieht We Steal Secrets allenfalls nebensächlich in Erwägung.

Bezeichnenderweise stempelt Gibney damit ausgerechnet jene beiden Schlüsselfiguren der Vorgänge als gescheiterte Existenzen und veritable Sündenböcke ab, die er eben nicht hat selbst befragen dürfen/können. Umgekehrt kommt nicht ein einziger aktueller Mitarbeiter oder erklärter Anhänger von WikiLeaks zu Wort. Beinahe alle der interviewten ehemaligen Mitarbeiter befinden sich nunmehr in Rechtsstreitigkeiten mit WikiLeaks oder sind zumindest weithin als Gegner der Plattform bzw. dessen Mitarbeiter bekannt. Wenn Gibney im Verlaufe seines Films also ein folgenschweres Scheitern der Idee WikiLeaks konstatiert, ist dieses Urteil mit größtmöglicher Vorsicht zu bewerten.

Positive Effekte des angeblichen Geheimnisverrats vernachlässigt Gibney nahezu systematisch. Seine Einschätzung der mit großer medialen Aufmerksamkeit bedachten Ereignisse beruht auf einem grundlegenden - und unerklärlichen - Missverständnis: WikiLeaks publiziert das brisante Material lediglich, beschafft es aber eben nicht - schon gar nicht mit nachweislich (oder gar gerichtlich festgestellt) illegalen Methoden. Wie die an der Veröffentlichung der Leaks beteiligten Medien - insbesondere die New York Times - im Film gegenüber Assange & Co. abgegrenzt, ja: rehabilitiert werden, ist haarsträubend.

Alleine der Filmtitel We Steal Secrets ist denkbar irreführend und sachlich doppelt falsch. Zum einen ist das Zitat im Film selbst - ausschließlich - auf die Methodik der US-Regierung (!) bezogen - und eben nicht auf die "Story of WikiLeaks". Zum anderen ist die plakative Reduzierung der Arbeit der Enthüllungsplattform auf Diebstahl, einen jedermann bekannten Straftatbestand also, ebenso absurd wie töricht. Die ausführliche, mit zahlreichen Quellen begründete Gegendarstellung von WikiLeaks im Internet erscheint somit als notwendiges Begleitprogramm des Films. Für sich genommen ist dieser nicht mehr als eine fragwürdige, tendenziöse Darstellung der hochkomplexen Ereignisse, die WikiLeaks aus einer implizit externen Perspektive gezielt aburteilt.

Keine Kommentare: