Sonntag, 30. Juni 2013

World War Z

Die Figur des Zombies hat ihre Wurzeln in der haitianischen Voodoo-Kultur. Spätestens durch die US-Intervention in Haiti Anfang des 20. Jahrhunderts hat die Idee des Untoten auch Einzug in die nordamerikanische und europäische Folklore erhalten. George A. Romeros Night of the Living Dead, bezeichnenderweise 1968 veröffentlicht, gilt als Geburt der heute etablierten Filmfigur Zombie. In Wahrheit gab der große Béla Lugosi bereits 1932 den White Zombie, auch der Somnambulismus im Kabinett des Dr. Caligari von 1920 darf in der Ergründung des Topos nicht in Vergessenheit geraten. 
Die englische Ausgabe von Wikipedia listet weit über 600 Spielfilme mit mehr oder minder direktem Zombie-Bezug. Nummer 541 der alphabetischen Sammlung besetzt derzeit World War Z, der wohl deutlichste Versuch, das Zombiegenre auf das Mainstreamkino auszuweiten.

Wie es sich für einen Vertreter der Gattung gehört, beginnt der Film mit Alltäglichkeiten, in diesem Fall einer bescheidenen familiären Idylle. Mitten im Berufsverkehr von Philadelphia wird der ehemalige UN-Ermittler Gerry Lane mit seiner Frau und den beiden jungen Töchtern vom Ausbruch einer fürchterlichen Pandemie überrascht. Innerhalb kürzester Zeit werden Milliarden Menschen weltweit infiziert. Ist der Virus einmal per Biss übertragen, verwandelt sich die/der Infizierte in Sekundenschnelle in einen blutrünstigen Untoten. Nachdem er seine Familie auf einen Flugzeugträger vorübergehend in Sicherheit gebracht hat, macht sich Lane mit einem Wissenschaftler und einer Handvoll Elitesoldaten auf, die Ursache der globalen Katastrophe zu finden.

Sieht man einmal von I Am Legend ab, in dem es Will Smith mit zumindest zombieähnlichen Kreaturen zu tun hat, darf World War Z als erster auf ein unspezialisiertes Massenpublikum abzielende Genrefilm verstanden werden. Ein paradoxes Novum bedingt diese Strategie: Nie zuvor ist das Kino der Zombies derart unblutig, beinahe steril dahergekommen. Sichtbar abgetrennte Gliedmaßen etwa, sonst selbstverständlicher Bestandteil einschlägiger Filme, sucht man hier vergebens. Der deutsch-schweizerische Regisseur Marc Forster inszeniert die alldominante Spannung jedoch derart zwingend, dass sich an der Aussparung der Extrema nur Splatter-Puristen stören dürften. In der Maximierung des Thrillereffektes kommt dem gebürtigen Bayer wohl insbesondere seine "Bond"-Erfahrung mit dem achtbaren Quantum of Solace zugute.

Personell setzt Foster ganz auf die Karte des alleinigen Superstars. Mit Brad Pitt vertraut er den Film mit Recht einem jener Exemplare der A-Klasse an, denen man selbst den modernen MacGuyver ohne viel Zögern abkauft. Um Pitts UN-Allrounder gruppiert Foster eine internationale Riege eher unbekannter Darsteller, sein eigenes Herkunftsland ist durch einen fast schüchtern wirkenden Moritz Bleibtreu vertreten.
Der Wert der pflichtschuldig integrierten 3D-Technik beschränkt sich auf die Vorspannsequenz, die das Infektionsdesaster virtuos vorbereitet, sowie das grundsätzlich durch die Bildtiefe erhöhte Gefahrenpotenzial. Abgesehen von der ausgesparten Drastik unterscheidet sich World War Z von kostengünstigeren Genrevertretern hauptsächlich durch gelegentlich hochaufwendige Totalen.

Die offensichtlichste Blockbuster-Einstellung, den signature shot, verpulvert Paramount freilich bereits im Trailer des Films. Wie ein überdimensionaler Ameisenhaufen türmt sich die Masse der Untoten einmal auf - ausgerechnet vor den geistesgegenwärtig aufgezogenen Mauerns Jerusalems. Überhaupt erlaubt sich das Drehbuch von World War Z einige schöne politische Seitenhiebe, prominent eingesponnen in das apokalyptische Szenario. Die erheblichen Stolpersteine bei der Produktion - das Budget musste mehrfach erhöht, der letzte Akt vollständig neu gedreht werden - merkt man dem Film, erstaunlich genug, nicht an. Insbesondere die "Lost"-Macher Damon Lindelof und Drew Goddard, mit umfassenden Nachbesserungen beauftragt, haben der Geschichte eine Kohärenz verliehen, die mit dem ursprünglichen Drehplan offenbar nicht zu erreichen war. Ebenfalls nicht dem gleichnamigen Roman von Max Brooks entnommen, der insofern eine nur lose Vorlage bildet, ist die in World War Z entworfene Lösung der Zombieplage - eine interessante Variation früherer Ansätze.
Die größte Innovation im Kontext des eigentlichen Horror-Subgenres bleibt indes die Bereitschaft, ebendiese Zugehörigkeit zugunsten eines kalten und eben massentauglichen Bedrohungsszenarios aufzugeben. Die ersten weltweiten Einspielergebnisse scheinen dieser Strategie in finanzieller Hinsicht Recht zu geben. Eine unzweifelhaft angelegte Fortsetzung des bisher kassenträchtigsten Zombiefilms wird damit immer wahrscheinlicher.  

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