Donnerstag, 20. Juni 2013

The Place Beyond the Pines

Alles beginnt mit einer Plansequenz. Die (analoge!) Kamera folgt Luke, einem jungen Mottoradartisten, auf dem Weg zu seinem Arbeitsplatz, einem Jahrmarktzelt. In einer riesigen Stahlkugel belustigt er zusammen mit zwei weiteren Stuntmen die Massen. Als er erfährt, dass er bereits Monate zuvor Vater geworden ist, reichen seine dürftigen Einkünfte nicht mehr aus. Um seinen Sohn zu unterstützen, von dessen Mutter Luke längst getrennt ist, sieht er sich in die Kriminalität gezwungen. Unter Einsatz seiner außerordentlichen Fahrkünste beginnt er, örtliche Banken zu überfallen. Als einer der Raubzüge fehlschlägt, kollidiert Lukes Schicksal mit dem des Polizisten Avery, der ebenfalls kürzlich Vater geworden ist. Nach einer Heldentat im Dienst gerät der in ein Netz polizeilicher Korruption, das unter seinen Kollegen selbstverständlich scheint.

Bevor Bradley Cooper es als aufrechter Cop mit dem Sumpf der Bestechlichkeit aufnimmt und dabei sein großes Charisma erneut einer immensen Glaubwürdigkeit anheimstellt, gehört Ryan Gosling The Place Beyond the Pines. Unverkennbar blondiert und tätowiert, lässt Gosling den inneren Konflikt Lukes in schmerzhafter Weise offensichtlich werden. Nach der wunderbar komplexen Romanze Blue Valentine brilliert der Schauspieler bereits zum zweiten Mal unter der Regie Derek Cianfrance', der sich mit seinem dritten Langspielfilm endgültig als einer der heißesten Nachwuchs-Autorenfilmer erweist. Das anfängliche Gangsterdrama im echten Wortsinne komplettiert Eva Mendes, deren besondere Eignung wohl hauptsächlich auf ihre die Real-Life-Liaison mit Gosling zurückzuführen ist.

Nach rund einer Stunde kippt die Perspektive, ja: das Genre des Films in einer einzigartigen, wahrhaft furchtlosen Weise. Die genauen Umstände dieses Kurswechsels müssen unbenannt bleiben, da gerade in der Unvorhersehbarkeit ein Großteil des Wertes der ambitionierten Dramaturgie liegt. Die Maßnahme ist, soviel lässt sich festhalten, von einer Radikalität, die jedem vernünftig denkenden Produzenten herbes Kopfzerbrechen bereiten muss. In der Tat erweist sich der Turn als zunächst nicht unproblematisch, insbesondere bezogen auf das Identifikationsangebot an den Zuschauer. Bald offenbart sich jedoch die ganze Intelligenz Cianfrance', der den personellen Fokus in Wahrheit nur verlagert. Die große Konstante bleibt der titelgebende Ort, eine freie Übersetzung des Mohawk-Städtenamens Schenectady, der natürlich gleichermaßen metaphorischer Topos ist. 

Als man den ersten erzählerischen Schwenk des Filmes dann beinahe vergessen hat, vollzieht The Place Beyond the Pines tatsächlich einen weiteren Paradigmenwechsel. Dieser dritte Abschnitt lässt das als überschaubares Drama begonnene Werk zu einem Epos werden. Keiner klassisch umgreifenden Saga sicherlich, eher zu einem intimen Epos - so paradox das anmuten mag. Anstatt mit dem Anspruch der Vollständigkeit zu kokettieren, lotet sie Cianfrance einfach aus. Wer darin eine fehlende Bereitschaft zum Abschied von Filmhandlung und -figuren sieht, irrt: Ohne sein letztes Drittel wäre Pines fraglos ein fantastischer Film, aber von einer vollkommen anderen Dimension. Und Ungewissheiten, jene notwendig offenen Optionen jenseits der erzählten Zeit, gestattet Cianfrance sehr wohl. Schmerzlich wird der Abschied von der weitläufigen Welt dieses Filmes somit vor allem für das gebannte Publikum.

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