Mittwoch, 22. Mai 2013

The Great Gatsby (2013)

Selbst wenn sie nur den Grundkurs Englisch wählen, dürfte es den allermeisten Oberstufenschülern des Landes schwerfallen, sich um eine Interpretation von F. Scott Fitzgeralds bekanntestem Werk zu drücken. Leistungskursler dürfen in der Regel gleich einige Wochen ihrer Bildungslaufbahn damit verbringen, die vielen Mysterien hinter "The Great Gatsby" zu entschlüsseln. Lehrer, die mit Klassikern fremdelnde Pennäler filmisch für den Stoff zu begeistern versuchen, müssen dafür nun nicht länger die nunmehr beinahe 40 Jahre alte Hollywood-Adaption zur Hand nehmen. Der Australier Baz Luhrmann, im Mainstreamkino fürs Schrille zuständig, sollte mit seiner Neuauflage die Wahrscheinlichkeit juvenilen Interesses demnächst deutlich erhöhen.

Mit weitaus weniger Bombast, als mancher befürchten mag - spätestens seit Moulin Rouge! zu Recht -, haucht Luhrmann dem teilweise tatsächlich leicht angestaubten Standardwerk der amerikanischen Literatur eine wohltuende Frische ein. Auf mit zeitgenössischer Charts-Mucke aufgemischte Massenfeiern verzichtet dieser verjüngte The Great Gatsby eingangs nicht - der vermeintliche Kontrast geht jedoch voll auf. Wie überwältigt die mit Tobey Maguire ideal besetzte Erzählerfigur des Nick Carraway in das Partymilieu der goldenen Zwanziger eintaucht, ist ganz im Sinne Fitzgeralds. Die Rolle des sagenumwobenen Millionärs Gatsby füllt Leonardo DiCaprio mit charismatischer Selbstverständlichkeit aus - und damit auch die nicht eben kleinen Fußstapfen des jünglichen Robert Redford. Der keineswegs offensichtlich gecasteten Carey Mulligan als Vervollständigung des ungewöhnlichen Trios gelingt mit ihrer verträumten Fatalität gar das Kunststück, die Vorgängerin (Mia Farrow) gänzlich vergessen zu lassen.

Mulligans Daisy Buchanan bildet auch in Luhrmanns Great Gatsby das Zentrum der unerreicht simpel verstrickten Figurenkonstellation. Verheiratet ist Daisy mit dem Ex-Profisportler Tom, ihr Herz gehört allerdings dem Jahre zuvor in den (Ersten Welt-)Krieg gezogenen Gatsby. Der hat inzwischen, um der immer noch Angebeteten nahe zu sein, ein gigantisches Anwesen an der gegenüberliegenden Küste der Bucht von Long Island bezogen. Als dessen Nachbar in bescheidener Behausung ist der erfolglose Schriftsteller Carraway vom mysteriösen Gatsby fasziniert. Da Carraway gleichzeitig ein Cousin Daisys ist, erhofft sich Gatsby, seine großen Liebe mit dessen Hilfe zurückzugewinnen. Deren Ehemann, der selbst eine Geliebte hat, erahnt bald die Absichten des steinreichen Nebenbuhlers. Der fatale Ausgang der Geschehnisse scheint unvermeidlich.

Dass Luhrmann die amourösen Verflechtungen der Vorlage in den Fokus seiner erwartungsgemäß lebhaften Inszenierung stellt, mindert die Vehemenz der Kritik Fitzgeralds an den Verheißungen des American Dream zwar leicht. Die - gewagte, aber stimmige - Rahmenhandlung, in der der Ich-Erzähler seine Erinnerungen unter Anleitung eines Psychiaters notiert, bewahrt jedoch die gesellschaftlichen ebenso wie die psychologischen Implikationen des Romans. Die aufwendige Ausstattung der Regisseursgattin Catherine Martin gehört dank der entfesselten Kamera zu den auch in 3D lohnenswerteren Produktionen der gegenwärtigen Welle. Tatsächlich erinnert Luhrmanns Great Gatsby eher an dessen wunderbare Frechheit Romeo + Juliet als an den filmgewordenen Overkill Moulin Rouge! - und ist nicht weniger als die bisher gelungenste Verfilmung des großen Klassikers.

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