Mittwoch, 8. Mai 2013

Passion

Merkwürdig. Ein Wort, das nur selten zur erschöpfenden Umschreibung eines 100-minütigen Spielfilms gereicht. Zumal wenn es Entstehungskontext, Inhalt, Stil und Wirkung des so bezeichneten Werkes gleichermaßen umfasst. Und dabei seiner medienwissenschaftlichen Relevanz ebenso Ausdruck verleiht wie einer tiefen, unguten Ratlosigkeit des Publikums.

Merkwürdig also die Geschichte hinter Passion, diesem plakativen Psychothriller mit erotischem Anstrich. Die erfolgreiche Geschäftsfrau Christine leitet den Berliner Sitz einer internationalen Werbeagentur. Als Isabelle, eine ihrer Mitarbeiterinnen, die Idee zur viralen Vermarktung eines Smartphones entwickelt, gibt sie den kreativen Einfall als ihren eigenen aus. Aber auch die so Düpierte hat kein reines Gewissen, vergnügt sich Isabelle auf einer Geschäftsreise doch mit Christines Lebensgefährten. Als Isabelle die berufliche Schmach in einen Triumph verkehrt und Christine von der Affäre ihrer Kontrahentin erfährt, muss der Machtkampf einen tödlichen Ausgang nehmen.
Was sich insbesondere in der zweiten Hälfte dieses Verwirrspiels tatsächlich, was nur in Träumen oder Fantasien ereignet, bleibt ein großes Rätsel. Dieses Ergebnis einer längst chicen unzuverlässigen Erzählweise mag beabsichtigt sein, nicht allerdings der fade Beigeschmack des narrativen Durcheinanders. Bald verliert der Zuschauer mit der Übersicht auch das Interesse an den scheinbar beliebigen Kapriolen des Plots.

Merkwürdig auch der Umstand, dass Passion das Remake des gerade drei Jahre alten französischen Films Crime D'Amour mit Kristin Scott Thomas und Ludivine Sagnier ist. Die Notwendigkeit einer Neuinterpretation des Thrillers erschließt sich anhand der jetzigen Version jedenfalls nicht. Mit Rachel McAdams und vor allem Noomi Rapace ist die Neuauflage immerhin ähnlich gut besetzt. Das Mitwirken von Rapace, der Lisbeth Salander der schwedischen Millennium-Trilogie, deckt zudem auf, woher Handlung und Figurenkonstellation so vertraut anmuten: Kollegin Rooney Mara, die Salander in Finchers Verblendung, durfte kürzlich in Side Effects eine sehr ähnliche Rolle ausfüllen - einem allerdings wesentlich stimmiger inszenierten Genre-Vertreter.

Merkwürdig vor allem, dass kein geringer als Brian de Palma für die hölzerne Fingerübung Passion verantwortlich zeichnet. Dem genialen Kopf hinter Carrie, Scarface und Mission: Impossible (dem ersten Kinofilm) scheint sein aktuelles Projekt irgendwann entglitten zu sein. Während der Auftakt noch vielversprechend wirkt, nimmt die Kohärenz der Erzählung im Verlauf bis zur Unkenntlichkeit ab.
Auch warum de Palma den Film in Berlin gedreht hat, wird nie klar. Stattdessen bugsieren die deutschen Dialogpassagen (auch der Originalsprachfassung) und Darsteller - allen voran Karoline Herfurth, die den Zweikampf bald zu einer weiblichen menage à trois erweitert - die Veranstaltung in die Sphären sonntagabendlicher TV-Unterhaltung. Beabsichtigt kann diese Trivialisierung bei unverkennbar verkünsteltem Anspruch kaum sein.

Merkwürdig im eigentlich Wortsinn ist Passion allenfalls in - dem harmlosen Kinobesucher sicher nicht allgegenwärtiger - intermedialer Hinsicht. Tapfer bemüht sich de Palma nämlich auch in seinem neuen Werk um die Integration zeitgenössischer Kommunikationstechnologie. Was in seinem Anti-Terror-Kriegsfilm Redacted allerdings noch zur Dekonstruktion digitaler Bildstrategien gereichte, ist heuer (wenigstens auf den ersten, unwissenschaftlichen Blick) eher verspielte Referenzialität. Dieses Vorab-Urteil soll das mediale Bewusstsein und Anliegen dieses großen Filmemachers nicht schmälern - macht Passion aber auch beileibe nicht zu einem dringend per Kinobesuch zu würdigenden Meisterstück.

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