Montag, 15. April 2013

Oblivion

Der Oscar für den besten Tonschnitt gilt als Lachnummer unter den technischen Kategorien des bedeutendsten Filmpreises. In diesem Jahr wurde die - vermeintliche - Schmach, die Auszeichnung als einzige eines Jahrgangs zu erhalten, durch die Demütigung komplettiert, sich den Preis mit einem weiteren (zudem mehrfach prämierten) Film teilen zu müssen. Bei fünf Nominierungen blieb für Kathryn Bigelows Zero Dark Thirty nur der halbe "Best Sound Editing"-Award übrig - zusammen mit dem für Skyfall. In Ehrenrettung der Tontechniker dieser Welt soll die sicher wenig prominente Arbeit eine exemplarische Aufwertung erfahren: Joseph Kosinskis prachtvoller Science-Fiction-Film Oblivion scheint zur Verteidigung der belächelten Preiskategorie vortrefflich geeignet. 

Überhaupt genießen Toneffekte im über die Zukunft spekulierenden Filmgenre einen weitaus besseren Ruf - man denke etwa an die unlängst legendären Robotergeräusche in Star Wars. Von seiner ersten Minute an entfaltet auch Oblivion einen faszinierenden Klangteppich, der mitverantwortlich dafür ist, dass der Film sehr rasch und nachhaltig in seine fremde Welt entführt. Mechanisches Surren korrespondiert hier mit schrill-rhythmischen Warntönen und musikalischen Klängen, die nicht selten auf ein unheilvolles Basswummern reduziert bleiben. Dazu die überraschend gleißende Bilderflut des im Jahr 2073 verorteten Abenteuers. Die weiße Arbeitskluft, die Tom Cruise als einer der letzten auf der Erde verbliebenen Menschen trägt, gibt die Farbpalette vor.

Gemeinsam mit seiner Partnerin Victoria bezeichnet sich Jack als finale Aufräumtruppe des Planeten. Der ist nach einem verheerenden Krieg gegen außerirdische Angreifer seit 60 Jahren unbewohnbar. Während der Rest der Menschheit längst auf einen Saturn-Mond übersiedelt ist, leben Jack und Victoria in einem einsamen Appartement über den Wolken und sind mit der Instandhaltung der Drohnen betraut, die die Erde zum Schutz gigantischer Wasserkraftwerke patrouillieren. Während eines Einsatzes mit seinem wendigen Fluggerät beobachtet Jack den Absturz einer Raumkapsel. Aus den Trümmern kann er eine desorientierte Frau bergen - die er aus seltsam wiederkehrenden Träumen bereits zu kennen scheint. Ihre Ankunft stellt alles in Frage, was Jack über sich und das Universum zu wissen glaubte.

Mit seinem wahnwitzig anmutenden Sequel des Jahrzehnte alten Genre-Klassikers TRON hat der einstige Werbefilmer Joseph Kosinski seine Tauglichkeit nicht nur für das futuristische Metier relativ eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Seine stimmungsvolle Spät-Fortsetzung TRON: Legacy darf überhaupt als überaus achtenswertes Langfilm-Regiedebüt gelten. Obgleich es inhaltlich nur periphere Parallelen gibt, knüpft Kosinski mit Oblivion merklich an die erfolgreich getesteten Strategien an. Das betrifft etwa die zunächst an die Daft-Punk-Komposition für den Vorgänger erinnernde Filmmusik, die in ihrem hypnotischen Wabern zwischen elektronischen und klassischen Klängen jedoch bald einen Eigenwert etabliert. Auch das abermals kluge Verhältnis von computeranimierten Totalen und Nahaufnahmen der plastischen Ausstattung macht die Zukunftstechnologie tatsächlich greifbar.

Ungeachtet aller berechtigten Vorbehalte gegenüber seiner Person, stellt Tom Cruise einmal mehr unter Beweis, dass er auch jenseits der Fünfziger einen Blockbuster mit seiner schieren Präsenz zu schultern vermag. Ergänzt durch die wunderbar mysteriöse Olga Kurylenko als gestrandete Raumfahrerin und den gewohnt salbungsvollen Morgan Freeman (in einer aus Spannungsgründen nicht näher zu bezeichnenden Rolle), ist Cruise der personelle Garant von Oblivion.
Nach dem sehr direkten Bezug auf einen der Genrefilme der 1980er Jahre huldigt Kosinski nun etwas subtiler - aber nicht weniger schön anzusehen - den Gattungspaten der 70er. Inwiefern der Regisseur dabei seine eigene Graphic Novel adäquat adaptiert hat, lässt sich kaum nachvollziehen, da der Comic nie veröffentlicht worden ist. Auch ohne Kenntnis der Vorlage ist Oblivion als toller, weil glänzend atmosphärischer und zu seinem Ende hin durchaus komplexer Science-Fiction-Streifen zu würdigen. After Earth mit Vater und Sohn Smith, der zweite potenzielle Kassenschlager des gleichen Themengebietes und Kinojahres, muss im Sommer nachlegen.

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