Montag, 25. Februar 2013

The Master

Nie war das Meer so blau. Die Gischt so perfekt weiß schäumend. Dann ein staubiger Soldatenhelm. Denkbar langsam gestattet der Film Zugang zu seiner Hauptfigur.
Ein junger Mann kehrt aus dem Zweiten Weltkrieg zurück, er könnte nicht sichtlicher gezeichnet sein. Einen Platz hat er in dieser Nachkriegsgesellschaft nicht. Er irrt von selbstgepanschten Cocktails benebelt umher. Da landet er eines Hafens auf der Jacht eines selbsternannten Weltverbesserers, Philosophen, Psychologen, Therapeuten, Anführers. Und wird so Teil dessen neu gegründeter Bewegung, genannt "The Cause".

Natürlich: Die Parallelen der in The Master sezierten Sekte mit der realen Scientology sind unverkennbar. Und freilich verfolgt der Spielfilm nicht nur die erschütternde Odyssee eines Mannes oder den zähen Kampf zweier Männer, sondern analysiert auch die Entstehung pseudo-religiöser Gemeinschaften scharfsinnig. Ein Film über - oder gar gegen - Scientology ist Paul Thomas Andersons sehr schwer zugängliches Werk indes nicht. Er will es nicht sein und kann dem Anspruch einer Anklageschrift niemals gerecht werden, so wünschenswert eine solche im Fall dieser und ähnlich gefährlicher Sekten auch ist. Dennoch liegt eine der unzähligen Stärken des Films darin, wie er Strukturen - persönliche und gemeinschaftliche - offenlegt, in denen das fatale Wirken derartiger Gruppierungen grassiert.

You'd like to captain a cap-sized ship | but I like watching you live

Paul Thomas Anderson ist ein klassischer Actor's Director, vielleicht der beste wenigstens seiner Generation. Was der Regisseur aus den Potenzialen seiner Darsteller herauskitzelt, ist immens. Beginnend mit den zumeist auf konkrete Leiber zugeschnittenen textlichen Entwürfen, ist Anderson für die jeweils brillantesten Leistungen der ohnehin nicht an Höhepunkten armen Karrieren von Philip Baker Hall (Sydney), Mark Wahlberg (Boogie Nights), Julianne Moore, John C. Reilly sowie Tom Cruise (Magnolia), Adam Sandler (Punch-Drunk Love) und Daniel Day-Lewis (There Will Be Blood) verantwortlich. Dutzende schauspielerische Preise und Nominierungen sprechen für sich.

I guess I just must be a Daredevil | I don't feel anything until I smash it up

Mit The Master wird der Reigen um drei weitere Ausnahmeleistungen erweitert: Amy Adams spielt darunter am Subtilsten, ihre Peggy Dodd ist dabei aber nicht minder beklemmend als der entfesselte Philip Seymour Hoffman in der Hubbard'schen Titelrolle, Peggys Ehemann. Dessen zweiter Academy Award ist gleichermaßen überfällig wie hiermit endlich der erste für Joaquin Phoenix, der den Protagonisten mit einer körperlichen Intensität füllt, mit einer widerwilligen Präsenz, die nachhaltig erschüttert. Dass man diesen Freddie Quell nicht abgrundtief hasst, dass er dennoch nicht zum selbst-losen Spielball der sektiererischen Mächte verkümmert, ist Phoenix' größter Verdienst. Stets in merkwürdig gekrümmter Körperhaltung, der zuzusehen alleine schmerzt, und mit gequält verzogener Miene samt kaum verständlichem Nuscheln ist Quell ein Wrack. Doch die geschundene Physis ist eher Metapher: Durch Cocktails in Eigenkreation unaufhörlich alkoholisiert, ist Phoenix in der triebgesteuerten Aggression Quells die Verkörperung menschlicher Destruktion.

He makes my heart a cinemascope screen | showing a dancing bird of paradise

Die inner- und extradiegetischen Verstrickungen sind vielfältig. Um nur eine Spur aufzuzeigen: Das motorisierte Vorfinale variiert Melvin and Howard von Jonathan Demme - ein zusammen mit seinem verstorbenen Bruder Ted traditionell gern zitierter Kollege Andersons. Der Hauptdarsteller des beklemmenden Dramas von Demme ist Jason Robards, dessen Erzählungen am Set seines letzten Films, Paul Thomas Andersons Magnolia, das Drehbuch von The Master ebenfalls maßgeblich beeinflusst haben. Robards wiederum soll Anderson auf John Hustons Dokumentation Let There Be Light hingewiesen haben, die in The Master mehrfach wörtlich zitiert wird.

Bear it, if you can | if you really want to

Let There Be Light verweist auf das eigentliche Thema von - zugegeben - sperrigem Werk. Weniger als eine Untersuchung der Wurzeln pseudoreligiöser Vereine ist The Master ein denkbar differenzierter Versuch über die physischen und vor allem psychischen Folgen des Krieges. Über die enigmatische Figur Freddie Quell und das erschütternde Spiel Phoenix' und Hoffmans wird der unauslöschbare menschliche Schaden dieses und jedes Krieges qualvoll offenbar. Was Anderson und seine DarstellerInnen aus den Schemata der individuellen Erzählung destillieren, sind Miniaturen - Miniaturen freilich, die ein Gesamterscheinungsbild nahelegen und explizieren, das von einer nicht nur historischen, politischen Wucht ist, die sich in der Tat schwer ertragen lässt.

Nothing wrong | when a song | ends in a minor key

Wegen Unpässlichkeit (The Bourne Legacy) sah sich Paul Thomas Anderson erstmals gezwungen, auf die Dienste des Oscarpreisträgers Robert Elswit als Cheflichtsetzer zu verzichten. Überaus würdigen Ersatz hat er in Mihai Malaimare gefunden, dem Anderson zudem eine fixe, eine geniale Idee verkaufen musste, The Master nämlich auf 65-mm-Zelluloidfilm zu drehen. In Zeiten, in denen es unlängst einige Aufmerksamkeit erfordert, neue, nicht digital gefilmte amerikanische Produktionen ausfindig zu machen, ist dieses auch im analogen Bereich besondere Format eine Ansage. Wegen der vielerorts mangelnden Projektoren dürften leider nur die wenigsten Kinozuschauer The Master in seiner ganzen Pracht zu Gesicht bekommen. Selbst in der digital konvertierten Version setzt sich die spektakuläre Optik unübersehbar von jeder konventionellen Kameraarbeit der Gegenwart ab: Die kräftigen Farben, die brillante Detailschärfe, die Gemälden ähnelnden Bildkompositionen bilden die Höhe der derzeitigen Bewegtfotografie.
In sorgfältig geplanter Opposition zur visuellen Perfektion gesellt sich Jonny Greenwoods Filmmusik. Nach seinem Silbernen Bären für den atemberaubenden Score zu Andersons There Will Be Blood übertrifft der Radiohead-Gitarrist sich nunmehr selbst. Gleichermaßen passend und ergänzend zur komplexen Thematik des Films sind auch die oftmals dissonanten Klänge Greenwoods alles andere als leicht zugänglich - und gerade deshalb ambitioniert, mysteriös und unvergesslich.

And then | we can | do anything | we want

Echte Hoffnung, im Frühwerk noch als aufmunternde Auflösung nachgeschoben, gestattet Paul Thomas Anderson dieses Mal nicht. Die Bowlingbahn aus There Will Be Blood, in der diese Kurskorrektur bereits vollzogen war, ist nun eine wüstenähnliche Hochebene - samt gespenstischem Motorrad-Spiel à la Melvin and Howard. Die sichtbare Katastrophe mag ausbleiben, das Unbehagen indes nicht. Und doch schafft der Film eine seltsam offene Perspektive. Nach aller Ausweglosigkeit ist das eine kleine Sensation: Plötzlich scheint alles möglich.

(Poetry by Fiona Apple)

Keine Kommentare: