Montag, 25. Februar 2013

Les Misérables

Ungeachtet jeder grundsätzlichen Haltung zur Filmsynchronisation muss das Musical als besonders schwieriger Fall der regionalen Anpassung filmischer Originalfassungen angesehen werden. Dem Übersetzer bleiben zwei unbestreitbare Übel: Entweder er überträgt auch die gesungenen Passagen in die Zielsprache, was alleine des immensen Aufwands wegen selten unternommen wird. Oder er belässt den originalen Gesang und gibt so von Vornherein den Anspruch auf, eine vollständige neue Sprachversion zu schaffen und somit etwa auf Untertitelung verzichten zu können.

Interopa, das von Universal mit der Synchronfassung von Les Misérables beauftragte Studio, hat sich - sicher in Abstimmung mit dem Verleih - für die zweite Variante entschieden. Das Ergebnis ist nicht nur ein heilloses - eben strukturell bedingtes - Sprachgewirr, das wild zwischen den englischen Gesängen und den wenigen, deutsch nachvertonten Dialogen springt. Die deutsche Fassung von Tom Hoopers vielfach preisgekröntem Film leistet weitaus mehr - sie ist ein audiovisualisiertes Plädoyer gegen den Sinn der Filmsynchronisation. Da gesungener und gesprochener Text - ähnlich wie etwa in Moulin Rouge - oft fließend ineinander übergehen oder sich überschneiden, markiert die Synchronversion ihre eigene Existenz in ungekannter Deutlichkeit. Immer wieder werden englische Gesangszeilen von deutschen Einwürfen zerschnitten, die jeden Versuch, sich auf die innerfilmische Realität einzulassen, aktiv boykottieren. Einer fiktiven, zumal übersetzten und insofern unoriginalen Erzählung zu folgen, vergegenwärtigt diese unsägliche Fassung fortwährend und lenkt somit in fataler Weise vom eigentlichen Film ab. So problematisch Untertitel in ebendieser Hinsicht auch sein mögen - ihr konsequenter Einsatz wäre in diesem Fall ohne jeden Zweifel das geringere Übel gewesen.

Ad absurdum geführt wird das sprachliche Durcheinander dadurch, dass Les Misérables freilich ohnehin eine ziemlich merkwürdige nationale Transformation voraussetzt. Schließlich ist es das Frankreich des 19. Jahrhunderts, das den nicht nur historischen Schauplatz bildet. Wie das Bühnenmusical und die Adaptionen mit Liam Neeson (1998) bzw. Gérard Depardieu (2000) - um nur die jüngsten Versuche zu nennen - erzählt auch Hooper von einem mittellosen Brotdieb, dem trotz großer Widrigkeiten der Aufstieg zum Bürgermeister und Fabrikbesitzer gelingt. Verfolgt von einem unerbittlichen Inspektor, muss Jean Valjean erneut untertauchen, nachdem er ein Waisenmädchen gerettet und adoptiert hat. Jahre später kreuzen sich ihre Wege wieder - am Vorabend des Juniaufstandes von 1832. Wenn Hauptdarsteller Hugh Jackman und Konsorten hier in feinstem Britisch von Freiheit und Brüderlichkeit trällern, mag das einer langen Tradition englischsprachiger Verfilmungen der Weltgeschichte (und auch dieser konkreten) folgen, wirkt gerade in der zwitterhaften hiesigen Synchronfassung jedoch schlicht lachhaft.

Auch wenn Les Misérables angesichts der identischen drei vermengten Sprachen an die Synchron-Katastrophe bei Inglourious Basterds erinnert, enden damit die Parallelen. Tarantinos anti-historischer Aufmüpfigkeit steht hier ein braves, wenngleich handwerklich sorgfältiges Remake gegenüber. Auch wenn Hooper routiniert die Strippen zieht - insbesondere jene, die zur Tränenproduktion führen -, bleibt die Neuverfilmung ein geschichtlich harmloser Aufguss mit beeindruckender Besetzung. Anne Hathaway ist alleine durch ihre herzzerreißende Solo-Wehklage der Nebendarstellerin-Oscar wohl nicht mehr zu nehmen. Sonstige Auffälligkeiten, wie die gewohnt entfesselte Helena Bonham-Carter in einer Nebenrolle und die weitwinkeligen Kameraperspektiven, sind bereits aus Hoopers wesentlich besserem Vorgänger The King's Speech bekannt. Im Gegensatz dazu sind die zahlreichen Lorbeeren für diese ganz und gar standesgemäße Musical-Verfilmung wahrlich zuviel des Guten.

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