Donnerstag, 6. Dezember 2012

Müll im Garten Eden


Als der deutschtürkische Filmemacher Fatih Akin vor vielen Jahren Motive für sein Werk Auf der anderen Seite sucht, stößt er im Heimatort seiner Großeltern auf einen sich anbahnenden Skandal. In Çamburnu, einem Dorf im Nordosten der Türkei, soll eine Mülldeponie zu errichtet werden - am unmittelbaren Rand der Häusersiedlung. Unter den Anwohnern regt sich erste Empörung. Akin schließt sich der losen Protestbewegung an und beginnt, die Geschehnisse zu filmen. Zunächst, so sagt er heute, eher als Drohgebärde, um öffentliche Aufmerksamkeit auf die Angelegenheit zu ziehen, weniger als tatsächliches Filmprojekt.

Nachdem der Bürgermeister Çamburnus mit seiner Weigerung, dem Bau der Deponie die notwendige Genehmigung zu erteilen, vor Gericht gescheitert ist, wird die Müllhalde 2007 in Betrieb genommen. Nur Tage später nimmt die Katastrophe ihren Lauf: Durch die undichte Isolation tritt verunreinigtes Wasser aus und verschmutzt den Bach, der durch das Dorf ins Meer fließt. In den folgenden Jahren häufen sich die eklatanten Mängel der Anlage: Das Grundwasser wird mehrfach kontaminiert, von den Abfällen angezogene Tiere behindern die Teeernte, in der gesamten Region stinkt es erbärmlich. Besonders frappierend ist, dass die warnenden Prophezeiungen des Dorffotografen, der in Abwesenheit des Filmteams als Ersatzkameramann fungiert, sich allesamt nach und nach bewahrheiten.

Mit Müll im Garten Eden legt Fatih Akin nun nicht nur eine erschütternde Chronik der seit fünf Jahren andauernden ökologischen Katastrophe vor. Gleichzeitig erzählt Akin von der bürgerlichen Widerstandsbewegung, die sich aus der Mitte der Betroffenen tapfer formiert. Und schließlich ist der Dokumentarfilm selbst unverkennbar Teil des Protestes gegen behördlichen Wahnsinn, mutwillige Umweltzerstörung und das drohende Ende menschlicher Existenzen.

Müll im Garten Eden ist auch eine Erzählung über die Entweihung eines Paradises. Akin kontrastiert die Schilderung der Katastrophe mit jahreszeitlichen Einschüben und alltäglicher Idylle. Auch wenn deren Anteil insgesamt etwas groß ausfällt, sind diese Zeugnisse der Schönheit und Liebenswürdigkeit Çamburnus für den filmischen Erfolg der Dokumentation essentiell. Zum einen machen sie greifbarer, was genau hier ge- und zerstört wird. Außerdem bieten die ästhetischen Brücken Erholungspausen vom fassungslosen Kopfschütteln.

Es braucht wohl einige Ignoranz, um in Müll im Garten Eden ein Argument gegen den EU-Beitritt der Türkei zu sehen (wie dies ein einfältiger Pressekollege neulich kundtat). Im Gegenteil zeigt der Film das eben durchaus vorhandene demokratische Potenzial und ökologische Bewusstsein selbst ländlicher Gegenden der Türkei. Und wer glaubt, ausgerechnet in Deutschland sei ähnlicher Behördenirrsinn undenkbar, hat den Bezug zur Realität ohnehin längst verloren.

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