Samstag, 1. Dezember 2012

Anleitung zum Unglücklichsein


Tiffany Blechschmid - das kann nicht gut gehen. Schon in der Grundschule ist der kollektive Spott ausgemachte Sache. Nach Durchschnitt klingt der Name nun wirklich nicht, doch ausgerechnet dafür hält sich Tiffany, jetzt Anfang 30. Johanna Wokalek zeigt in Anleitung zum Unglücklichsein, dass sie nicht nur Päpstin und Ensslin kann, sondern auch das personifizierte, das selbsterklärte, das wunderbar neurotische Mittelmaß.

Tiffany führt einen Delikatessenladen mit Mittagstisch in Kreuzberg - ein denkbar sympathisches Örtchen, das sich auch in der Realität zweifellos vor Stammkunden kaum retten könnte. Jeden Morgen um 3:30 Uhr steht Tiffany auf, stets zuerst mit dem Rechten, begrüßt ihren Tukan Richard und fährt zum Großmarkt. Dann öffnet sie das "Blechschmid's" [sic] und redet sich bis nach dem Feierabend ein, glücklicher Single zu sein. Auch ihre familiäre Belegschaft kann bei dieser Kapitulation vor dem eigenen Leben nur hilflos zusehen. Mütterlicher Rat aus dem Jenseits erscheint ebenso kontraproduktiv wie ein Goldkettchen tragender Polizist, der in seinem Buhlen eher wie einer jener Gangster wirkt, vor denen er Tiffany unablässig warnt.

Schon lange ist ein Film nicht mehr so schön gescheitert wie dieser von Sherry Hormann. Den hehren Willen sieht man jeder sorgsam ausgeleuchteten Einstellung an, jedem pointierten Dialog. Auch die Besetzung neben Wokalek ist brillant: Richy Müller als suizidaler Klavierlehrer, Iris Berben als ätzender Muttergeist, Michael Gwisdek als kauziger Vermieter - mehr gibt der deutsche Casting-Pool bei ebendiesen Erfordernissen nicht her. Und doch gehen die einzelnen Szenen, vielen von ihnen echte Kleinode, in sich nicht auf, geschweige denn in ihrer Summe. Dem Schnitt fehlt jeder Rhythmus - mal zu schnell, mal zu langsam, nie auf den Punkt. Die Musik greift zu hoch, gerade weil sie Teil des Primärtextes ist.

Eine "Anleitung zum Unglücklichsein", so nahe dieses wortspielerische Fazit liegen mag, ist der Film nicht. Aber eben auch nicht, und das legt Hormann sehr wohl nahe, das Gegenteil. Das Dilemma beginnt mit dem ersten Satz der perfekt salbungsvollen Erzählerstimme, es ist also ganz und gar hausgemacht. Wem eine Komödie versprochen worden sei, heißt es sinngemäß, der würde enttäuscht, ohne handfestes Drama komme auch diese Geschichte nicht aus. Der direkt anschließende Verweis auf "die Weltliteratur" gibt die ganze Problematik preis: der Anspruch ist sogar zu verwegen, um bewusst augenzwinkernd damit fertig zu werden.

Paul Watzlawicks Buch galt als unverfilmbar. Auch wer derlei Verdikte zu Recht für unsinnig hält, wird zugeben, dass Hormanns Versuch derlei Vorbehalte mitnichten ausräumt. Anleitung zum Unglücklichsein wäre so gerne eine clevere, eine luftig-geistreiche Dramödie, die dem wahren Wichtigen spielerisch auf den Grund geht. Statt Amélie auf Deutsch ist der Film ein bisschen dies, ein wenig das - und nichts ganz und gar.  

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