Mittwoch, 14. November 2012

Harodim

Verschwörungstheorien haben einen schlechten Ruf. Der Makel, der auf diesem Begriff liegt, besteht zu Unrecht, auch weil er auf einem Missverständnis beruht. Verschwörungstheorien oder das, was man gemeinhin unter ihnen versteht, sind nichts anderes als alternative Narrationen - Erzählungen, die von anderen Erzählungen über den (vermeintlich) selben Gegenstand abweichen. Das wird alleine daran deutlich, dass der so bezeichnete Verschwörungstheoretiker die Meinung der Gegenseite selbstverständlich seinerseits als Verschwörungstheorie bezeichnet.

Gefährlich kann allenfalls die Tendenz einer Verschwörungstheorie sein, insbesondere wenn das Narrativ durch ein eindimensionales (z.B. politisches oder religiöses) Motiv bestimmt wird. Wer also behauptet, die Anschläge des 11. Septembers 2001 seien nicht von 19 mit Teppichmessern bewaffneten Fanatikern verübt worden, dem ist diese subjektive Ansicht, die sich für den Durchschnittsbürger ebensowenig verifizieren lässt wie die offizielle Version des "9/11 Commission Reports", nicht zu verbieten. Auch nicht, wenn hinter dem Attentat "die Juden" vermutet werden, so infam diese Extremmeinung auch sein mag. Offensichtlich ist aber gerade bei diesem Beispiel, dass der Ursprung einer solchen Alternativerzählung allzu oft weit außerhalb des konkreten Bezugrahmens liegt (hier etwa in einer sicher nicht erst im September 2001 entwickelten antisemitischen Grundeinstellung). Die Verschwörungstheorie selbst bleibt ein mindestens teilfiktionales Konstrukt, wie es jede Erzählung ist.

Harodim ist nun der Versuch, die Narration des Fanals 9/11 um einen kühnen Gegenentwurf zu erweitern. Um eine irre Verschwörungstheorie, wie viele sagen würden und werden. Die äußeren Umstände könnten nicht kammerspielartiger sein: ein Raum, zwei Personen, ein Dialog. Dass die Konstellation viel später um eine Person erweitert wird, allerdings von Schauspiellegende Peter Fonda dargestellt, ändert nichts an den räumlich und dramaturgisch beengten Verhältnissen. Der eine der beiden hauptsächlichen Männer ist Terrorist, wer genau, wird nie ausgesprochen, dürfte jedem aber in Kürze gewahr sein. Der andere ein selbsternannter Antiterrorkämpfer, der sein Gegenüber für seine grauenvollen Taten in der Abgeschiedenheit eines Kanalsystems zur Rechenschaft ziehen will.

Der Kontext ist glasklar: Wer steckt hinter "dem 11. September", wie dieses zur Chiffre umgemünzte Datum gerne vereinnahmt wird. Auch um die Antwort auf diese Frage drückt sich Harodim nicht lange herum. Die Apologie des Angeklagten wird zu einem Rundumschlag der offenen Fragen und Merkwürdigkeiten, aufgelöst durch einen alternativen Katastrophenplot, wie er in Dutzenden Büchern steht. Schrittweise tritt so der wahre Architekt des Massenmordes zutage, der zwar nicht konkret benannt, aber eben explizit innerhalb der USA verortet wird. Kein Wunder also, dass dem Film eine Finanzierung in Hollywood verwehrt blieb, so dass er nun das Wappen des Landes Niederösterreich trägt.

Ob der Vielfalt der aufgeworfenen Indizien, den Hunderten Verknüpfungen und nicht zuletzt der Schwere des Ereignisses 9/11 überhaupt, gerät die singuläre filmische Qualität von Harodim schnell in den Hintergrund. Zum Empfinden einer gehörigen Rastlosigkeit trägt auch der fragmentarischen Stil bei, mit dem Regisseur Paul Finelli das Assoziative der Story hervorhebt. Somit löst Finelli zwar die konstitutive Problematik des Kammerspiels, so dass die örtliche Konstanz nicht negativ auffällt. Die fortwährend in den Dialog geschnittenen Schnipsel realer TV-Aufnahmen eröffnen jedoch weitere, nicht unerhebliche Problemfelder: Zum einen erschwert die Montage teils nur wenige Einzelbilder dauernder Bildfetzen die Orientierung des Zuschauers, den parallelen Nachvollzug der Argumentation. Wesentlich fragwürdiger ist indessen der manipulative Charakter dieser bewussten Überforderung des Publikums.

Wer sich von dem Bildersturm nicht überrumpeln lässt, dem bietet Harodim nicht mehr und nicht weniger als ein denkbar vielseitiges alternatives Narrativ zum 11. September 2001. Alleine dadurch ist der Film wesentlich provokativer als seine Produktions- und vermutlich auch Rezeptionsdimensionen. Oberflächliche Aufmerksamkeit, die kaum positiv ausfallen wird, durch den Boulevard scheint dem Projekt sicher. Angebrachter ist eine nüchterne Auseinandersetzung mit der nicht unproblematischen Vielschichtigkeit erstens der Ästhetik und zweitens der gesellschaftspolitischen Wechselwirkungen dieses kleinen, explosiven Films.

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