Samstag, 20. Oktober 2012

Gnade


Nach dem meisterlichen Barbara und dem überdurchschnittlichen Was bleibt hatte sich die Festivalorganisation der diesjährigen Berlinale die absehbaren Kontroversen für das Ende des Wettbewerbs aufgehoben. Als dritten deutschen Film der Hauptsektion schickte man Gnade von Matthias Glasner ins Rennen. Bereits 2006 hatte der Regisseur mit Der freie Wille einen äußerst umstrittenen Berlinale-Beitrag abgeliefert. Sechs Jahre später also Gnade - eine Art "Goodbye Deutschland - The Movie".

Das groß angelegte Drama dreht sich um eine dreiköpfige Familie, die nach Norwegen ausgewandert ist. Nachdem er (Jürgen Vogel) sich bereits nach kurzer Eingewöhnung eine Geliebte zugelegt hat, überfährt sie (Birgit Minichmayr) ein Mädchen und begeht Fahrerflucht. Das gibt Ärger, klar. Der halbwüchsige Filius hält den folgenden Schlamassel derweil mit dem iPhone fest, das - kein Scherz, leider - als Kubrick'scher Monolith endet, wenn man der Eigeneinschätzung des Herrn Filmemachers Glauben schenken mag.

So hundsgrottenmies, wie die zu reichlich Hysterie neigende Filmpresse dieses Werk erwartungsgemäß befunden hat, ist es nicht. Das Drehbuch kann man zumindest in seinen Ansätzen als durchaus interessant bezeichnen, der Grundkonflikt ist sicher alles andere als lebensfern. Auch die Darsteller geben sich reichlich Mühe, scherzen, schmollen und schreien nach Kräften. Und in der Tat atemberaubende Schneelandschaften gibt es immerhin auch zu bestaunen.

So differenziert Glasner aber auch vorgehen mag, ist in Gnade abermals vieles allzu deutlich und plakativ. Das fängt mit dem schlicht zu hoch gegriffenen Titel an und endet mit der komplett überflüssigen Schlussszene des Films. Das muss keineswegs heißen, dass das gesamte Unterfangen eine halbe Stunde kürzer hätte sein dürfen (solche von Filmkritikern gerne eingeworfenen Verdikte sind grundsätzlich mit großer Vorsicht zu genießen), sondern meint die zu vielen Offensichtlichkeiten des Films - oder umgekehrt die systematisch und notorisch fehlende Bereitschaft zu Leerstellen.

Im Nachhinein betrachtet, ist der Berlinale-Organisation ein kleines Kuriosum gelungen - sie hat mit der Reihenfolge, in der sie die drei deutschen Beiträge im Wettbewerb untergebracht hat, bereits eine qualitative Abstufung vorgenommen: Barbara ist herausragend, Was bleibt sehr gut und Gnade eine leider irrige Steilvorlage für allerlei Wortspiele mit dem doofen Titel - die man aber der Boulevardpresse überlassen darf.

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