Freitag, 5. Oktober 2012

3 Zimmer/Küche/Bad


Wollte man auch nur die erste Hälfte der Handlung von 3 Zimmer/Küche/Bad mit einer ausführlichen Inhaltsgabe würdigen, es würde den Rahmen einer lesbaren Filmkritik gnadenlos sprengen. Daher nur skizzenhaft: Ein bis zwei Handvoll Freunde zwischen 25 und 35 leben in Berlin, die meisten zumindest. Noch. Denn es stehen Veränderungen ins Haus. Beziehungsweise Häuser und Wohnungen. WGs lösen sich auf, neue Zweckgemeinschaften finden sich. Beziehungen gehen in die Brüche, neue Lebensgemeinschaften finden sich. Freundschaften werden auf harte Proben gestellt, eine Familie droht zu zerfallen.

Um Veränderung geht es in Diedrich Brüggemanns neuem Werk, um Bewegungen in einem verdichteten zwischenmenschlichen Geflecht. Da diesen sozialen Bewegungen auch örtliche Wechsel vorausgehen oder folgen, ist 3 Zimmer/Küche/Bad ein Film über den Umzug. Nein, es ist der deutsche Film über den Umzug. Seltsam, dass auf diese simple Idee zuvor kein Filmemacher gekommen scheint. Das ständige Umziehen als Kennzeichen einer Generation, einer sehr aktuellen Zeiterscheinung, ist längst eine Tatsache.

Auch wenn Ein-Wort-Beschreibungen immer mit großer Vorsicht zu genießen sind, liefert 3 Zimmer/Küche/Bad mit dieser gegenwartsanalytischen Erkenntnis eine überzeugenderes Label als die auch im Film selbst verworfene Rede von der "Generation Praktikum". Den Umzug als nicht nur überbrückendes, sondern regelrecht treibendes Handlungselement integriert Brüggemann mit seiner Co-Autorin und Schwester Anna so geschickt, dass man ihn als offensichtliches Konzept schnell vergisst. Stattdessen kann und will man der verknüpften, wirklich ungemein wechselvollen Geschichte der rund 8 Hauptfiguren gespannt folgen.

Eine davon übernimmt Anna Brüggemann gleich selbst, auch Jakob Matschenz gehört nach Renn, wenn du kannst wieder zum ausgeglichen gut agierenden Ensemble des Regisseurs. Erstaunlich, dass man die mehreren Dutzend Trennungen und Neuverbindungen innerhalb der Gruppe nie als unglaubwürdig empfindet. Dafür wirkt beinahe alles an 3 Zimmer/Küche/Bad zu wahrhaftig und am Puls der aufmerksam beobachteten Verhältnisse zu Beginn der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts. Dass die Brüggemanns gleichzeitig abermals ihr Gespür für allerlei entlarvenden Humor unter Beweis stellen, macht diesen ultimativen Umzug-Film umso liebenswürdiger.

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