Der in Jahre gekommene Alfie verlässt Jahrzehnten der Ehe seine Frau Helena, um mit einem schlichten Callgirl ein neues Glück zu finden. Die plötzlich Verlassene flüchtet sich in die wahnwitzigen Ratschläge einer geschäftstüchtigen Wahrsagerin. Auch Helenas Tochter Sally ist in ihrer Ehe kaum glücklicher: Ihr Mann Roy verdingt sich als längst von Glück und Erfolg verlassener Schriftsteller, der sich zudem zur geheimnisvollen Nachbarin Dia hingezogen fühlt. Sally hat sich ihrerseits in ihren Chef, den verheirateten Galeriebesitzer Greg verliebt – der sich wiederum auf eine Affäre ausgerechnet mit ihrer besten Freundin einlässt. Das allseitige Chaos ist vorprogrammiert.
Auch wenn Allens 41. Regiearbeit You Will Meet a Tall Dark Stranger die gewohnten Spitzen enthält, bleiben die ganz großen Fiesheiten diesmal aus. Wie man diese vermeintliche Zurückhaltung des Autors und Regisseurs bewertet, liegt freilich im Auge des Betrachters. Einerseits kann man es als ironische Selbstreferenz und bewusste Nichterfüllung eigens geschürter Erwartungen sehen, wenn der Film gleich mehrere Gelegenheiten auslässt, den Plot durch eine raffgierige Bluttat aufzumischen. Im bisherigen Spätwerk Allens mussten ähnlich unheilvoll anklingende Verstrickungen jedenfalls beinahe unvermeidlich in offene Grausamkeiten münden. Dass Stranger dagegen ohne Mord und Totschlag auskommt, mag andererseits als neue Zahmheit des bald 75-Jährigen verstanden werden. Natürlich ist es nicht ohne Reiz – und ohne Zutun Allens –, dass und wie der Film das sicherlich vielfach herbeigesehnte Kapitalverbrechen auslässt. Zurück bleibt somit aber gleichzeitig eine gewisse Beliebigkeit. Zudem scheint sich das arg abrupte Ende um den Verbleib gleich mehrerer Charaktere wenig zu scheren, auch die entscheidenden Fragen der Geschichte bleiben völlig offen.
Mit Anthony Hopkins, Naomi Watts, Josh Brolin, Antonio Banderas und der jungen Frieda Pinto aus Slumdog Millionaire ist auch You Will Meet a Tall Dark Stranger fraglos brillant besetzt. Aber gerade Pintos Part als „Frau im gegenüberliegenden Fenster“ zeigt auch die Schwierigkeiten der Handlungsentwicklung, bleibt ihre Rolle doch selbst dann auf eben diesen Gemeinplatz beschränkt, als sie von der flüchtigen Fernansicht in die Nähe der Kamera gerückt ist. Die mit Abstand interessantesten Ansätze zeigt die von Gemma Jones gespielte Quasi-Hauptrolle der sinnsuchenden Seniorin Helena, endet aber ihrerseits mindestens dreiviertelfatal. Übrig lässt Woody Allen in seinem neuen Werk einen gehörigen emotionalen Scherbenhaufen, der weder wirklich lustig ist noch zum Grübeln anstiftet – sondern eher recht deprimierend daherkommt.
Wertung: ■■■■■■■■□□□□□□□ (8/15)
© T. Richter (filmversteher@gmail.com), Dezember 2010
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