Donnerstag, 11. November 2010

UNSTOPPABLE (ab 11.11.2010)

Der Trailer von Unstoppable – Ausser Kontrolle mag auf manchen Filmfreund wie ein kleines Déjà-vu wirken. Atemlose Action auf funkensprühenden Gleisen wird dem Zuschauer da versprochen, in der Hauptrolle Denzel Washington, inszeniert von Genre-Spezialist Tony Scott. Wie jeder gut informierte Mainstream-Cineast weiß, haben diese drei Kriterien bereits auf Scotts letzten Film zugetroffen, in dem es Washington mit einem gekaperten Zug zu tun hatte. Zugegeben, in The Taking of Pelham 1 2 3 (2009) spielte sich dieses Schienenverkehrschaos noch unter Tage ab, da der nämliche Titel auf die gleichnamige U-Bahnlinie verweist.

In Unstoppable nimmt das Unheil überirdisch seinen Lauf. Und schuld ist diesmal nicht ein geisteskranker Entführer, sondern schlicht ein nachlässiger Rangierarbeiter, dem – klingt komisch, beruht aber auf wahren Geschehnissen – ein Güterzug abhanden kommt. Da die eigenmächtig weiterfahrende Eisenbahn obendrein hochexplosive Chemikalien geladen hat, sind nunmehr nicht bloß ein paar Dutzend Pendler in Gefahr, sondern ganze Kleinstädte, auf die der herrenlose Zug zurast. Einsatz Washington: Zusammen mit Greenhorn Will ist er mit seiner Lokomotive die letzte Hoffnung ganzer Gemeinden in Nordwest-Ohio. Wagemutig jagen die beiden Männer der rollenden Bombe hinterher, um den Filmtitel Lügen zu strafen.

Tony Scotts immer weiter fortschreitender audiovisueller Expressionismus hat seinen Höhepunkt mit Man on Fire (2004) und Domino (2005) erreicht. Dass diese Entwicklung zuletzt mit Pelham 1 2 3, also ausgerechnet jenem Vorjahres-Eisenbahn-Thriller, kräftig ins Leere gelaufen war, lässt vom verdächtig ähnlich anmutenden Nachfolger wenig Gutes erhoffen. Umso erstaunlicher, dass Unstoppable tatsächlich weitaus besser funktioniert: Nicht nur ist der Film um Welten packender, es gelingt Scott diesmal sogar, die Bahn als eigene Filmfigur zu etablieren. Ganz im Gegensatz zum übersättigten, stotternden Vorgänger steht dem vordergründigen Thrill diesmal eine ausgereifte Topografie der Spannung zur Seite. Auch wenn weder der routinierte Denzel Washington noch Youngstar Chris Pine ihren eindimensionalen Charakteren – samt klischeeverseuchten Vorgeschichten – echte Originalität abgewinnen können, bleibt die Situation in der Enge des Führerhauses stets dramatisch. Die Bedrohung, die das stählerne Geschoss darstellt, wird zudem durch die fortlaufende TV-Berichterstattung hergestellt, die ein integraler Bestandteil der Erzählung ist, deren Künstlichkeit jedoch wieder einmal unverkennbar bleibt. Wie Scott Zug 777 auf seiner unaufhaltsamen Irrfahrt durch dicht besiedeltes Gebiet inszeniert, bleibt indes der Garant der Spannung. So ist Unstoppable genau das, was man von dem Film erwarten durfte, ohne sich vom Vorgängerfilm abschrecken zu lassen: grundsolides Actionkino, das anderthalb unterhaltsame Stunden bietet.

Wertung: ■■■■■■■■■□□□□□□ (9/15)

© T. Richter (filmversteher@gmail.com), November 2010