Manchmal wünscht man sich, einen Film völlig unvorbelastet sehen zu können. Nichts über den Regisseur, dessen früheres Werk, dessen – vorsichtig formuliert – merkwürdiges Gebaren und Selbstverständnis zu wissen. Sich nicht bewusst zu sein, dass Max Schmeling, das Biopic über die deutsche Boxerlegende des vergangenen Jahrhunderts, von einem Mann verantwortet wird, der für gewöhnlich ein gefühltes Dutzend stumpfsinnige Videospielverfilmungen pro Jahr auf den Markt wirft. Von einem Mann, der sich trotz sehr überschaubarem Talent und ruhrpottlerischer Schlichtheit im Brustton der Überzeugung mit Regie-Größen vergleicht, deren Namen hier aus Gründen der Pietät nicht wiederholt werden. Uwe Boll heißt dieser unsympathische Geselle, dessen einzig nennesswerte auch nur ansatzweise filmische Hinterlassenschaft in seinen unübertroffen unterhaltsamen DVD-Audiokommentaren besteht.
Wenn sich Boll nunmehr – zwischen so klangvoll-bedenklichem Videogame-Trash wie Rampage und Bloodrayne: The Third Reich – erstmals ins Genre des historischen Dramas wagt, alarmiert das in vielerlei Hinsicht. Alleine Bolls Gehversuche auf dem Gebiet der politischen Satire und des Horrorfilms (beide 2007) sollte hinreichend unterstrichen haben, dass des Wermelskircheners dümmliche Ballerspiel-Adaptionen durchaus qualitativ zu unterbieten sind.
Fernab von Bolls fragwürdiger Paradedisziplin ist Max Schmeling in der Tat eine ernst gemeinte und – das lässt sich ganz sachlich festhalten – sicherlich bemühte Filmbiografie. Ausstattung und Filmmusik sind grundsolide und entsprechen anstandslos dem Standard nicht nur inländischer Historiendramen. Die etwas ungelenken Markierungen zeitlicher und örtlicher Sprünge kann man guten Gewissens mit der fehlenden Genre-Erfahrung des Machers entschuldigen.
Letztlich steht und fällt der Erfolg von Max Schmeling jedoch mit der Besetzung der Titelrolle – und die steht und fällt in der Tat, nicht nur im wörtlichen Sinn. Einerseits ist Henry Maske aus sportlicher Sicht fraglos ein Glücksfall, dem die fraglose Authentizität der Boxszenen zu verdanken ist. Andererseits gibt es im gesamten Film nicht eine einzige Dialogszene, in der man vergessen könnte, dass Maske keinerlei Schauspielausbildung besitzt. Wie hölzern und leiernd Maske Sprüchlein um Sprüchlein aufsagt, das ist Grundschultheaterniveau. Das ist deshalb umso tragischer, weil die Kamera das zerfurchte Antlitz des Boxers unverkennbar liebt. Selbst außerhalb des Rings macht Maske eine wahrhaft blendende Figur, nicht nur als Imitation Schmelings. Es ist solch ein Jammer, dass Maske nicht einmal die einfachste Begrüßungsformel glaubhaft zu artikulieren imstande ist, dass man sich ernstlich wünscht, Boll hätte sich in der Not zu einer Stummfilmfassung seines schön fotografierten Werkes gezwungen gesehen. Zur Verteidigung des eifrigen Maske sei allerdings hinzugefügt, dass auch einige der gestandenen Darsteller – darunter Heino Ferch als Coach und Susanne Wuest als Anny Ondra – berechtigte Schwierigkeiten mit der Phrasendrescherei des Drehbuches haben.
Max Schmeling, dieses betont unaufgeregte Biopic, das auch die ambivalenten NS-Verwicklungen des Boxers recht neutral wiedergibt, hinterlässt einen zweigeteilten Eindruck. Diese Erkenntnis ist im Oeuvre des Uwe Boll sicherlich nahe einer Sensation. Tatsächlich lassen sich aber sowohl die Vorzüge – vor allem die lupenreine Optik – wie auch die Nachteile des Filmes – insbesondere der textliche Aspekt in Theorie und Praxis – weitgehend unabhängig von der persönlichen Leistung des Regisseurs betrachten. Auch wenn die Präsenz des Machers auch dank eines Gastauftrittes als Ringrichter nie ganz auszublenden ist, mag das wohl das größte Kompliment sein, das man einem Uwe-Boll-Film machen kann: das er nicht wie ein solcher wirkt.
Wertung: ■■■■■■□□□□□□□□□ (6/15)
© T. Richter (filmversteher@gmail.com), August 2010
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