Wer ist Salt? Auf dieser kurzen Fragestellung fußt die gesamte Werbekampagne des neuen Films von Regisseur Phillip Noyce, Salt. Dass alleine der ausgetauschte Name diese Tagline von der Kampagne zu The Bourne Identiy unterscheidet, 2002 Auftakt einer sehr erfolgreichen Spionagethriller-Trilogie, ist kein Zufall. Das Prinzip ist denkbar ähnlich: Ein amerikanischer Geheimdienstler mit Nahkampferfahrung scheint als Doppelagent enttarnt – doch welcher Seite fühlt er sich tatsächlich verpflichtet? Wesentliches Novum in Salt scheint zunächst, dass der titelgebende Spion diesmal weiblich ist. Dass ursprünglich Tom Cruise als Protagonist vorgesehen gewesen sein soll, beweist dagegen die Austauschbarkeit des Titelstars – zumindest in den Augen der Hollywood’schen Produzenten. Nun ist jedenfalls Angelina Jolie in der Hauptrolle des Films zu sehen und das ist gut so. Es braucht nur wenig Phantasie – oder einen einfachen Fingerzeit in Richtung Knight and Day, in dem Cruise jüngst als Geheimagent floppte –, um sich auszumalen, wie öde Salt ohne Jolie gewesen wäre.
In jedem Moment glaubwürdig verkörpert Jolie jene Evelyn Salt, die der Film zunächst als Top-Agentin der CIA mit unbequemem Feindkontakt und deutschem Ehemann (August Diehl) vorstellt. Durch die Aussage eines russischen Überläufers gewinnt selbst dieses nicht eben beschauliche Dasein an Brisanz: Salt stehe in Wahrheit im Dienst seiner Landsleute und habe den Auftrag, den in New York gastierenden Präsidenten Russlands zu ermorden. Da es der resoluten Agentin nicht gelingt, ihren Vorgesetzten (Liev Schreiber) und einen alarmierten Kollegen für innere Angelegenheiten (Chiwetel Ejofor) von der Unsinnigkeit dieser Behauptung zu überzeugen, flieht Salt Hals über Kopf. Auf sich alleine gestellt, muss Salt drei Dinge gleichzeitig erledigen: Ihren verschollenen Gatten ausfindig machen, die Ermordung des russischen Präsidenten verhindern und ihre eigene Unschuld beweisen. Aber ist Salt tatsächlich unschuldig?
Mit der nötigen Rasanz entfaltet Salt eine ausgetüftelte Tour de force mit allerlei Schauwert. Vollkommen ebenbürtig mit der Atemlosigkeit der Bourne-Filme bietet Salt spektakuläre Action und ein recht cleveres Drehbuch. Wer hier tatsächlich wer ist und vor allem für welche Seite kämpft, bleibt dank der wendungsreichen Erzählung lange offen. Schade bloß, dass Regisseur Noyce die Kombinierfähigkeiten seines Publikums beizeiten unterschätzt und übererklärt. Wer einigermaßen wachsam mitdenkt, dem wird in mindestens einem Fall eine spätere Wendung durch eine überflüssige Detailaufnahme bereits viel zu früh für verraten. Trotz einzelnen Vorhersehbarkeiten schlägt die Story dennoch ausreichend Haken, um oft zu verblüffen. Auch wer herrlich abstruse Verschwörungsszenarien mag, wird Salt lieben. Der findig konstruierte Zusammenhang des Plots mit historischen Mysterien ist denkbar brisant: Flugs bestätigt eine Rückblende die Einzeltätertheorie der JFK-Ermordung als gezielte russische Geheimdienstbemühungen. Das ist zwar relativ abstrus und offenbart ein reaktionäres Verständnis des Kalten Krieges, hat als Spielfilmfiktion aber unbestreitbaren Unterhaltungswert. Überhaupt ist dieser halsbrecherische Agententhriller wenig innovativ, erfüllt aber jederzeit seinen Hauptzweck: Salt ist Entertainment in Formvollendung.
Wertung: ■■■■■■■■■□□□□□□ (9/15)
© T. Richter (filmversteher@gmail.com), August 2010
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