Schon Siegfried Kracauer, der große deutsche Filmtheoretiker, wusste um die Traumhaftigkeit des Kinos. In der Dunkelheit des Lichtspieltheaters versinke der Zuschauer allzu leicht in einen tranceartigen Zustand, verliere sich in der Welt des Films wie in einem Traum, so Kracauer. Träumereien sind andererseits immer schon ein beliebter Gegenstand filmischer Handlungen. Einen menschlichen Traum zu audiovisualisieren, gehört zu den spannendsten Versuchsanordnungen des Kinos. Dass Hollywood seine Funktion als ‚Traumfabrikʻ aber so wörtlich nimmt wie in Inception, dem neuen Film des Briten Christopher Nolan, ist dennoch selten.
Nach dessen Über-Blockbuster The Dark Knight mag Inception, dieser sehr unvermittelt in der Kinolandschaft aufgetauchte Film, zunächst als kleine Fingerübung Nolans erscheinen, als willkommene Autorenkino-Ablenkung vor dem nächsten Mega-Hit. Aber kann ein 160-Millionen-Dollar-Filmprojekt eine Fingerübung genannt werden? Bei näherer Betrachtung ergibt sich ein beinahe umgekehrtes Bild: Das erste Treatment zu Inception, Nolans Idee zu einer Traum-Diebesbande, ist bereits runde 10 Jahre alt. Bevor er die Umsetzung dieser irren Idee gewagt habe, heißt es, habe Nolan lieber etwas Erfahrung sammeln wollen – und sei kurzerhand auf den „Batman“-Zug aufgesprungen. (Man erinnere sich an das Erstaunen seinerzeit, dass man ausgerechnet dem verschrobenen Genie hinter Memento diese traditionsreiche Franchise anvertraute.) So gesehen erscheint der Mainstream-Ausflug Nolans, der also eher nebenbei in den sechsterfolgreichsten Film aller Zeiten gemündet war, in Wahrheit als Nebenprodukt eben diese Herzensprojektes namens Inception.
Ein weiter Grund, warum Nolans neues Werk zunächst vielerorts als nettes Independent-Filmchen wahrgenommen worden ist, ist ebenfalls Folge einer durchdachten Strategie. Mit einer ebenso systematischen wie erfolgreichen Geheimhaltetaktik, die durchaus der „James Bond“-Maschinerie würdig ist, haben Nolan & Co. nicht nur Details des Projektes, sondern gleich dessen gesamte Existenz – oder zumindest Präsenz – erstaunlich lange unter Verschluss gehalten. Einzig ein kryptischer Teaser kündete schon Wochen vor Kinostart von Inception, der die wahren Dimensionen des Films jedoch allenfalls erahnen lässt.
Die Einzigartigkeit von Inception lässt sich alleine daran messen, wie verzweifelt allerorten in der Filmhistorie nach vergleichbaren Werken gekramt wird. Spielbergs Minority Report steht, so scheint es, ganz oben auf der Liste der eiligst bemühten Verwandten, dicht gefolgt von Dark City und Memento. (Naheliegender sind dagegen der kaum bekannte Post-Golfkrieg-Thriller The Jacket mit Adrian Brody und der großartige Abre los ojos samt ebenfalls hervorragendem Hollywood-Remake Vanilla Sky.) Und natürlich The Matrix, dessen bloße Nennung kräftig werbewirksam und – nach reiflicher Reflektion – nicht einmal völlig irreführend ist.
Wer oder was ist also Inception? Nolans Film erweist sich als wüster Genremix, der in souverän ausgelegten Bahnen verläuft und dennoch in jeder Szene gänzlich unvorhersehbar bleibt. Es ist ein Science-Fiction-Mystery-Spy-Action-Mindfuck-Thriller-Drama, das clever mit seinen Figuren und dem Publikum spielt, das spektakuläre Schauwerte ebenso zu bieten hat wie (ernsthaft) philosophischen Diskurs, in dessen Kern eine traurige Liebesgeschichte ruht – kurzum ein fabelhafter Film, der jederzeit fesselt und fordert. Es ist ein Film, der mit unter anderem Leonardo DiCaprio, Ellen Page, Cillian Murphy, Marion Cotillard und Michael Caine hervorragend besetzt und technisch nicht weniger als brillant umgesetzt ist. Und Inception ist eben ein Film, der den allermeisten Beschreibungen spottet; ein Film, der durch eine schnöde Inhaltsangabe nicht nur unangemessen gewürdigt, sondern womöglich verdorben wird. Es ist ein surrealer Film über das Träumen, unser brüchiges Bild vom Träumen, über die Manipulation von Träumen.
Inception ist andererseits ein Film über den Film, über das Kino. Ähnlich der Kracauer’schen Perspektive springt der Plot in der Tat von Traumebene zu Traumebene – und verhaart dabei selbst unaufhörlich in einem traumhaften Zustand. Ob oder wo dieser Traum im Film tatsächlich endet, wie viel und welche vermeintliche (Film-)Realität uns Inception überhaupt zeigt, überlässt Nolan dem Publikum. Gleichzeitig legt er Hunderte Fährten, wie das existenzielle Fragezeichen, mit dem das Abenteuer scheinbar abrupt abgebrochen wird, aufzulösen ist. Es gibt mindestens ein halbes Dutzend legitimer Möglichkeiten, wer in diesem Film wann was träumt. Für sämtliche dieser Variationen gibt es triftige Gründe – manche trivialer, manche spannender –, viele schließen sich gegenseitig aus, andere lassen sich gar miteinander in Einklang bringen. Wer vor dem Rätsel, dem labyrinthartigen Puzzle, das Nolan uns vorsetzt, nicht ehrfürchtig kapituliert, dem ergibt sich aber so oder so – egal, welcher Inception-Glaubensgemeinschaft man sich zugehörig fühlt – ein denkbar komplexes metaphysisches Geflecht, das im Kopf des Zuschauers seine notwendige Rekapitulation und Fortsetzung findet. Einzig die innerfilmische Metapher kann wohl niemand ernsthaft bestreiten: Wie nebenbei erweist sich die Gesamtheit der Erzählung als Sinnbild für den Prozess des Filmemachens, inklusive Regisseur, Drehbuchautor, Produzent, Darstellern und Narration. Aber das ist nur die offensichtlichste Metaebene dieses Meisterwerkes.
Auf mindestens zwei Arten kratzt Inception, das macht diesen Film so bärenstark, an den Grundfesten der menschlichen Erkenntnis. Mit voller Wucht stößt uns Nolan auf eben jenen Moment, der unsere sämtliche Erfahrungsgabe in einen unüberwindbaren Restzweifel münden lässt. Die Aufgabe aller Aufgaben, den Anfang und das Ende des Traums (und somit der Wirklichkeit) zu bestimmen, treibt die Menschheit seit mindestens zweieinhalb Jahrtausenden um. Anschaulicher ist dieses ewige Dilemma selten komprimiert worden. Andererseits fordert dieser Film unsere Auffassungsgabe in einem überschaubareren Kontext von knapp zweieinhalb Stunden – die uns an unserer Fähigkeit zu einer sicheren Erkenntnis aber ebenso sehr zweifeln lassen. Diese doppelte Mühe verspricht indes entsprechenden Lohn: Wem es gelänge, wenigstens das verschachtelte Konstrukt dieses Films zu entschlüsseln, dem winkt, das ist die Verheißung, wenigstens diese eine Anteilnahme am höchsten aller Gedankengüter. Insofern ist Inception, das lässt sich mit ein wenig Pathos, einem kräftigen Augenzwinkern und allerlei Fug und Recht behaupten, nicht weniger als ebendies: ein Traum.
Wertung: ■■■■■■■■■■■■■■■ (15/15)
© T. Richter (filmversteher@gmail.com), Juli 2010
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