In Amerika kennt jeder Gabourey Sidibe. Monatelang war sie, die alle nur Gabby nennen, der Star jeder Talkshow, ob Boulevard oder seriös. Aus heutiger Sicht mag das kaum verwunderlich sein, ist Gabby doch in den vergangenen Monaten für beinahe jeden erdenklichen Darstellerpreis nominiert gewesen, einschließlich Golden Globe und Oscar. Gewonnen hat sie „nur“ vergleichsweise kleinere Preise – und die Herzen einer ganzen Nation.
Wer ihr ohne Kenntnis dieser Vorgeschichte begegnet, mag kaum glauben, mit welcher Bewunderung das amerikanische Volk der jungen Frau zu Füßen liegt: Gabbys Hautfarbe ist tiefschwarz und sie ist stark übergewichtig, könnte rein äußerlich dem Ideal eines aufstrebenden Stars nicht weiter entfernt sein. Aber dieses vermeintliche Defizit, da ist man sich längst einig, macht Sidibe mit ihrem Charme und Witz spielend wett. Und mit ihrem großen Talent natürlich, von dem sie selbst bis vor kurzem wenig ahnte: der Schauspielerei.
Der seinerseits weitgehend unerfahrene Regisseur Lee Daniels hat Gabbys verborgene Gabe entdeckt und die sympathische kleine Lady aus deren Job in einem Call-Center auf direktem Wege in die Ruhmeshallen Hollywoods gehievt. Nicht weniger als die Hauptrolle in der der Verfilmung eines der schwarzen Kult-Bücher der Neunziger hat Daniels ihr zugemutet. Seine Umsetzung des Romans „Push“ der amerikanischen Autorin Sapphire trägt Sidibe mit einer Finesse, als sei sie eine Aktrice mit jahrelanger Bühnen- und Leinwanderfahrung. Zunächst tief verschlossen, dann umso erstaunlich lebendiger haucht sie jener gepeinigten 16-Jährigen Leben ein, auf deren Namen nun auch der Film hört: Precious. Deren kurze Lebensgeschichte könnte grauenvoller nicht sein: Nachdem der Vater sie seit Kindestagen vergewaltigt und nun bereits zum zweiten Mal geschwängert hat, fliegt sie von der Schule. Zuhause, im Ghetto Süd-Harlems, wartet die arbeitslose Mutter, ein verbitterter Drache, der Precious keine zusätzliche Demütigung erspart. Ohne jede ernsthafte Alternative hat die grandiose Mo’Nique für diese schlimme Rolle kürzlich den Oscar als beste Nebendarstellerin erhalten. In ihrer Unfassbarkeit übertroffen wird die Leistung der Komikerin einzig durch den Umstand, dass Mo’Nique selbst ein Opfer inzestuösen Missbrauchs ist.
Dennoch auszuhalten ist Precious vor allem, weil der Film neben den schwer verdaulichen Szenen, in denen die Erniedrigungen nachempfunden werden, vor allem vom Versuch der jungen Frau erzählt, dem familiären Grauen zu entkommen. In der Besetzung der weiteren Weggefährten beweist Regisseur Daniels, dass sein feines Casting-Gespür und seine effektive Schauspiel-Führung weit über die beiden Hauptrollen hinausreicht. Als minimaler Wermutstropfen lässt sich nämlich feststellen, dass Gabby und Mo’Nique ein weiteres halbes Dutzend unerwarteter Glanzleistungen überschatten, unter anderem von Paula Patton, Lenny Kravitz und – man sehe und staune – einer ungeschminkten, anrührenden Mariah Carey. Zudem hat Daniels einen audiovisuellen Weg gefunden, der die sprachlichen Experimente Sapphires zwar niemals ersetzt, der einzigartigen Sprache der Autorin aber eine ebenso unkonventionelle Inszenierung zur Seite stellt. Immer wieder wagt Precious stilistische Ausbrüche – und immer wieder trifft der Filme damit nichts nur ins Schwarze, sondern regelrecht in die schwarze Seele eines Volkes, das einen derart ungeschminkten Blick auf den Rand der eigenen Gesellschaft nicht häufig gestattet.
Bei den diesjährigen Black Reel Awards ist Precious mit nicht weniger als sieben Preisen der unvermeidliche Abräumer gewesen. Tatsächlich ist der Film von fast ausschließlich afroamerikanischer Handschrift: Vom Regisseur, der Romanautorin, dem oscarprämierten Verfasser des Drehbuches, beinahe allen Darstellern bis hin zur Produzentenriege um Oprah Winfrey sind sämtliche Schlüsselfiguren dieser Produktion schwarz. Nicht nur in dieser Hinsicht erscheint Precious wie ein Gegenentwurf zum ebenfalls bei den Oscars vertretenen The Blind Side. Der erzählt seinerseits die Geschichte eines jungen, afroamerikanischen Außenseiters – aber eben aus Sicht einer weißen Wohltäterin, mit entsprechend fahlem Beigeschmack. Precious ist dagegen von einer Wahrhaftigkeit, die mitunter sehr, sehr schwer zu ertragen ist, daneben aber einen unverstellten, verblüffend ehrlichen Hoffnungsschimmer bietet.
Wertung: ■■■■■■■■■■■■■□□ (13/15)
© T. Richter (filmversteher@gmail.com), März 2010
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