Der beste Spielfilm des Kinojahres 2009 heißt The Hurt Locker. So haben es die knapp 6.000 stimmberechtigten Mitglieder der Academy of Motion Picture Arts and Sciences am Sonntag entschieden. In einem Jahr, das nicht nur mit James Camerons Avatar den – je nach Rechnung – wohl erfolgreichsten Film der Geschichte hervorgebracht hat (einen Film indes, dessen schwaches Drehbuch den lange sicher geglaubten Oscar als „Best Picture“ nicht allzu schmerzlich vermissen lässt); in einem Jahr, das mit Tarantinos Inglourious Basterds eine faszinierende Hochzeit aus Trash, hoher Kunst und einer rotzfrechen Geschichtsvariation hervorgebracht hat; in einem Jahr, das mit einer ganzen Handvoll mehr oder minder still gefeierten Perlen des Weltkinos – stellvertretend seien hier Sonos Love Exposure, Jarmuschs Limits of Control und Hanekes Das weisse Band genannt – als starkes Semester gelten darf. In diesem Kinojahr 2009 zeichnet die einflussreichste Vereinigung Filmschaffender eine in jeder denkbaren Hinsicht bescheidene Arbeit aus, die von einem Bombenentschärfungskommando der US-Armee im besetzten Irak erzählt.
In diesen Wochen haben die Macher von The Hurt Locker keine Gelegenheit ausgelassen – auch keine illegale, wie wir seit der subversiven Eigenwerbeattacke des Producers Nicolas Chartier wissen –, die angebliche „Unabhängigkeit“ ihres Produktes herauszuheben. Das ist ein strategisch eleganter Schwenk, der die finanzielle Übermacht des Hauptkonkurrenten Avatar geschickt für sich genutzt und die Psychologie des akademischen Stimmverhaltens ins genaue Gegenteil verkehrt hat. Dass diese gerade in den USA stets so fruchtbare Mär des Underdogs im Angesicht eines 21.000.000-Dollar-Budgets und der Unterstützung durch das (mit rund einer halben Milliarde Dollar Bruttoeinnahmen im vergangenen Geschäftsjahr immerhin weltweit siebterfolgreichste) Studio Summit bestenfalls grotesk ist, daran mag sich in Hollywood dieser Tage niemand so recht stören.
Diese sicher in der puren Verzweiflung der einstigen Chancenlosigkeit herbeigeredete, nun ja: Unabhängigkeitserklärung hat aber einen noch ungleich bittereren Beigeschmack. Selbst wenn sich The Hurt Locker tatsächlich brüsten dürfte, losgelöst von den gewaltigen Zwängen des Studiosystems entstanden zu sein – eine durch und durch finanziell bedingtes Abhängigkeitsverhältnis sind die Filmemacher bereitwillig eingegangen: Wie dem Abspann der Produktion zu entnehmen ist, hat sich Frau Bigelow vom echten US-Militär nur gerne unter die zarten Arme greifen lassen. In der langen Tradition der Zusammenarbeit zwischen dem amerikanischen Verteidigungsministerium und allzu kompromissbereiten Filmproduzenten verheißt dieses Credit ein simples Tauschgeschäft: Mit materieller und personeller Unterstützung hat sich das Pentagon die öffenlichkeitswirksame Freiheit erkauft, alle unliebsamen Elemente des Drehbuches eigenmächtig entfernen zu dürfen. Anders als durch diese kostenfreie Bezuschussung des zweifellos zentralen Ausstattungsmerkmals lässt sich indes das in der Tat verhältnismäßig niedrige Budget von The Hurt Locker kaum erklären.
Abhängig von einem der (ganz) großen Hollywood-Studios mag dieser Film nicht sein, sehr wohl befindet er sich aber in einem ideologischen Zwangsverhältnis ausgerechnet zum realen Vorbild des eigenen Untersuchungsgegenstandes, in einer Verbindung, deren Konditionen für den letztlich geldgebenden Steuerzahler gänzlich uneinsehbar sind. Auch ob die jede einzelne Dankesrede beschließenden Lobensworte für die „Männer und Frauen in Uniform“ Teil dieses wahrhaft dubiosen Geschäftspaktes sind, bleibt unüberprüfbar.
Eines muss man der Produktion gleichwohl zugestehen: Die auf dem Felde der Suchtforschung einschlägige Problematik von wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnissen reflektiert der Film immerhin – wenn auch freilich unbewusst – inhaltlich und bietet „warnography“ in Formvollendung. Mit dieser trefflichen Wortverschmelzung hat Georg Seeßlen eben das beschrieben, was Bigelow in The Hurt Locker stil- und zielsicher ausbuchstabiert: Militainment, das sich im Schmutz kriegerischer Gewalt suhlt und noch jeder Verstümmelung einen Funken Schönheit abringen kann. Bar jedweder Distanz oder Differenzierung wirbt der Film für das Leben, nein: Arbeiten im sinnstiftenden Elend. Man hätte der Regisseurin noch eine weitere Auszeichnung verleihen sollen, die für die beste filmische Umsetzung eines eingangs eingeblendeten Zitats. Den erschreckend wörtlich gemeinten Ausspruch „war is a drug“ des bekennenden Kriegsfetischisten Chris Hedges bebildert Bigelow traumwandlerisch sicher. Der Drogenmetapher des Nahost-Journalisten fehlen jegliche negativen Konnotationen, Krieg versteht der Autor der dazugehörigen Publikation War Is a Force That Gives Us Meaning nicht etwa als krankhafte Sucht, sondern als ultimativ stimulierende, gleichsam schöpferische Kraft. Dem menschlichen Kriegszustand kann der begeisterte Afghanistan- und Irak-Reporter „fantastische Qualitäten“ und eine „dunkle Schönheit“ abgewinnen.
Hedges, Bigelow und dem ebenfalls mit einem Oscar belohnten Drehbuchautor Mark Boal gemeinschaftliche, arglistige Rekrutierungsarbeit für die US Army zu attestieren, greift da noch zu kurz. The Hurt Locker betreibt, in demonstrativem Desinteresse für den abgebildeten Irakkrieg, eine viel grundsätzlichere Massenmeinungsbildung, die den Sinn oder Unsinn eines konkreten Waffenganges spielend transzendiert. Der Film ist nicht etwa bloß eine perfide Cowboy-und-Indianer-Variante der Besetzung des Iraks, er ist in seinem komplexen Konstrukt aus schamloser Kriegspornografie und einer gespielt treudoofen Haltung die perfekte Propaganda: effektive Stimmungsmache, die sich authentisch ahnungslos gibt.
Der ziemlich dümmliche Kalauer über die „Bombenstimmung im Irak“ würde Kathryn Bigelow, das ist leider keine bösartige Unterstellung, wohl gut gefallen. Man kann ihm nur fassungslos hinzufügen: In Hollywood herrscht die ganz offensichtlich auch.
© T. Richter (filmversteher@gmail.com), März 2010
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