Es ist selten, dass in den deutschen Kinos am selben Tag zwei Filme starten, die sich derart ähnlich sind: The Blind Side und Precious. Und damit sind nicht etwa lediglich die jeweiligen, reichlich dämlichen Zusatztitel gemeint – das ist ja längst peinlichen zur Gewohnheit der hiesigen Verleiher geworden. Tatsächlich sind die Zusätze „Die große Chance“ und „Das Leben ist kostbar“ völlig austauschbar. Und sie werten beide Filme deutlich ab.
Beide Filme stammen aus den USA und erzählen von je einem schwarzen, körperlich überdimensionierten Jugendlichen, der die Nachteile des eigenen Erscheinungsbildes und des Aufwachsens am sozialen Abgrund zu überwinden versucht. Zudem werden beide eigentlichen Hauptrollen von erstmaligen Darstellern übernommen, je einen Oscar haben aber jeweils andere Mitspielerinnen erhalten.
The Blind Side wählt als Perspektive und Hauptfigur eine weiße Dame der oberen Zehntausend. Angelehnt an eine wahre Begebenheit nimmt die wohlhabende Mutter zweier eigener Kinder einen afroamerikanischen Jugendlichen unter ihre Fittiche. Nur dessen sportliche Eignung – und die Aussicht, aus ihm einen Football-Star zu formen – hatte ihm zuvor einen Platz an einer christlichen Schule in Memphis beschert. Da für die Teilnahme am Sportprogramm ein gewisser Notendurchschnitt erforderlich ist, bietet die weiße Familie dem jungen Riesen nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern besorgt ihm auch eine Nachhilfelehrerin. Als sich „Big Mike“ dann für ein College entscheiden soll, beginnt er, die scheinbar selbstlose Hilfe seiner neuen Familie in Frage zu stellen.
The Blind Side beruht auf der Lebensgeschichte von Michael Oher, der mittlerweile in der Profiliga NFL spielt. Auch wenn der Film dank der guten schauspielerischen Leistungen und einem sicheren Gespür für den schmalen Grat zwischen Komik und Tragik sehr unterhaltsam sein mag, ist The Blind Side in mancherlei Hinsicht nicht unproblematisch. Der echte Michel Oher wehrt sich jedenfalls vehement gegen seine Darstellung und in der Tat wirkt das fast makellose Portrait der weißen Gönnerfamilie oft etwas fragwürdig. Nicht umsonst ist auch Sandra Bullocks Oscar ausgerechnet für diese Rolle eines strahlenden Gutmenschen – wenn auch in eher leisen Tönen – kritisiert worden. Zweifellos besticht Bullock technisch, zumal sich kaum behaupten lässt, sie buhle in unangenehmer Manier um Sympathien. Fairerweise muss man auch festhalten, dass die lupenreine Selbstlosigkeit ihrer Familie gegen Ende des Films zumindest kleinere Risse erhält. Dennoch bleibt die Haltung, der Blickwinkel des Films von John Lee Hancock auf eine eigentlich schwarze Problematik stets weiß. Precious bietet dagegen das Gegenteil: einen schonungslosen Blick auf den Überlebenskampf seiner Protagonistin, der keine märchenhafte Lösung verspricht.
Wertung: ■■■■■■■■□□□□□□□ (8/15)
© T. Richter (filmversteher@gmail.com), März 2010
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