Donnerstag, 4. Februar 2010

ZEITEN ÄNDERN DICH

Die Verfilmung der Autobiografie eines Rappers, dem verschiedentlich Rechtsextremismus, Antisemitismus, Homophobie und Frauenfeindlichkeit vorgeworfen wird und der mehrfach vorbestraft ist, verheißt wenig Gutes. Wenn sich dieser in einer millionschweren Produktion dann auch noch selbst spielen darf, sollten die Alarmglocken laut schrillen. Auch dass Erfolgsproduzent Bernd Eichinger das Drehbuch geschrieben und der Regisseur des unsäglichen Baader Meinhof Komplexes [sic], Uli Edel, auf dem Regiestuhl Platz genommen hat, sollte die wenigsten zuversichtlich stimmen.

Tatsächlich bestätigt Zeiten ändern dich ab seiner ersten Spielminute so gut wie alle Vorurteile. Mit seinem sonoren Voice-Over unterstreicht Hauptfigur- und darsteller Bushido sogleich seine völlige Uneignung als Besetzung seiner selbst. Im Folgenden stellt sich eine unangenehme Mischung ein aus talentfreien Laien, die immerhin leidlich authentisch wirken, ausgebildeten Jungdarstellern, deren gekünsteltes Assi-Gehabe reichlich unglaubwürdig erscheint, und grotesken Gastauftritten gestandener Schauspieler. Das Gewirr aus derber Gossen- bzw. Jugendsprache bietet eine Handvoll Realitätsnähe, eine Prise Fremdscham und eine gehörige Portion unfreiwilliger Komik. Strukturiert wird die verzweifelte Mixtur aus Biopic, Gangsterfilm und Coming-of-Age-Drama durch besagte Erzählerstimme und eine betont unchronologische Erzählweise, die sich offenbar an namhaften filmischen Portraits anlehnt.

Erstaunlicherweise hat Zeiten ändern dich durchaus seine Momente. Bis zur ersten dieser Szenen, die das Unterfangen immerhin als der Gattung Spielfilm zugehörig markieren, verstreicht allerdings einige Zeit. Die zähe Exposition samt gerapptem „Erlkönig“ und allerlei Drogendealerei ist eben vorbei, als Bushido in Reaktion auf den Anruf seines verhassten Vaters „live“ einen neuen Text dichtet, bis die stockende Performance schließlich in einen Auftritt mit Publikum übergeht. Überhaupt sind sämtliche der wohl dosierten Konzertaufnahmen recht stimmig inszeniert und lassen wenigstens vermuten, wie sie auf einen Fan der Musik wirken dürften. Aber gerade diese lichten Momente verdanken ihre Intensität dem vielleicht beschämendsten Beigeschmack der Verfilmung: Ohne jede eigene Haltung eignet sich Zeiten ändern dich die persönliche und oft schlicht nicht sehr glaubhafte Perspektive Bushidos an. So wird etwa das auch jenseits der zaghaften Selbstzugeständnisse fragwürdige Frauenbild ohne Bruch oder Ironie zum Frauenbild des Filmes. Selten dürfte sich eine Adaption so bedingungslos in den Dienst ihrer Vorlage gestellt haben.

Wer aber meint, das duo infernale Eichinger/Edel sei vor dem übermächtigen Superstar Bushido ehrfürchtig eingeknickt, irrt dennoch. Denn es gibt durchaus eine andere, noch bizarrere Seite dieser Unternehmung. So artig Zeiten ändern dich alle anderen Facetten des Lebens seines Protagonisten nacherzählt – einen klitzekleinen Nebenaspekt verwässert der Film dann doch: die Musik. Während in den hölzernen Dialogen der Vorwurf der Gewaltverherrlichung sowie Frauen- und Schwulenfeindlichkeit der Texte Bushidos in der Tat zur Sprache kommt, fehlen diese Inhalte im Soundtrack vollends. Diesen Kompromiss scheint der stets mit der Authentizitätsfahne schwenkende Künstler bereitwillig eingegangen sein: Sämtliche seiner Songs mit kontroversen Texten werden zugunsten vergleichsweise harmloser und seine eigene Vergangenheit reflektierender Titel ignoriert. Solcherart entwirft Zeiten ändern dich ein seltsames Zerrbild der wahren Erfolgsgeschichte des Rappers. Der Kommentar eines ekstatisch verzückten Mädchens über dessen verächtliche Texte „Der meint ja nicht mich!“ ist somit kaum einzuordnen. Die einseitige Songauswahl verschleiert die tatsächlichen – und wahrhaft interessanten – soziologischen und psychologischen Hintergründe seiner Beliebtheit sorgfältig. Dagegen wäre es überaus wünschenswert, die Mechanismen jenes kommerziell erfolgreichen Teils des deutschen Hip-Hops zu bestimmen, gerade im Zusammenspiel mit der mutmaßlichen Jugendgefährdung, die verschiedene Schutzbehörden Bushido immer wieder attestiert haben.

Genauso wie der ziemlich doofe Titel eine ziemlich doofe Abwandlung eines ziemlich doofen Sprichwortes ist, ist auch der Film – ziemlich doof. Dass Zeiten ändern dich beizeiten eine zumindest oberflächliche Wirkung entwickelt, liegt ausgerechnet an den musikalischen Einlagen und dem stark emotional aufgeladenen familiären Part der Handlung, der auf einen geradezu feierlichen Höhepunkt zusteuert. Aber ob dieses hemmungslose Pathos, diese zuckersüße Botschaft ausgerechnet der pubertären Zielgruppe Bushidos und somit dieses Filmes gefallen wird?

Wertung: ■■■■□□□□□□□□□□□ (4/15)

© T. Richter (filmversteher@gmail.com), Februar 2010