Donnerstag, 25. Februar 2010

SHUTTER ISLAND

Die Verfilmung eines zuvor publizierten Buches gehört zu den heikelsten Unterfangen der Filmkunst. Wer kennt es nicht, das ernüchternde Gefühl, trotz aller Vorfreude von der Kinoversion eines geliebten Textes gründlich enttäuscht zu sein? In diesem Sinne, so muss man feststellen, ist jeder Leser ein Filmemacher. Vor seinem inneren Auge werden die Worte ganz unweigerlich zu Bildern. Und lässt sich diese eigene Visualisierung nicht mit der des Regisseurs vereinbaren, keimt allzu rasch gehöriger Widerwille im Betrachter auf.

Dass die Übertragung eines geschriebenen, eines gelesenen Erzeugnisses in eine andere, die audiovisuelle Kunstform einer höchst individuellen Sichtweise zugrunde liegt, sollte wohl jedem Filmemacher bewusst sein. „Lesart“ einmal wörtlich genommen, sozusagen. Die landläufig favorisierten Antworten auf die schwierige Frage nach dem Pfad zu einer angemessenen Adaption liegen indes an den beiden Enden einer breiten Skala: Entweder man möge sich der Vorlage möglichst treu ergeben oder derselben eine gänzlich eigenständige Variante gegenüberstellen.

Mit Shutter Island nimmt sich Starregisseur Martin Scorsese nun einen modernen Klassiker, wenn auch einen eher heimlichen, der populären und doch anspruchsvollen Schreibkunst vor. Die Messlatte erhöht allerdings nicht alleine die Vorzüglichkeit von Dennis Lehanes Werk. Auch dass Clint Eastwood (Mystic River) und Ben Affleck (Gone Baby Gone) unlängst überzeugende Verfilmungen der Romane Lehanes vorgelegt haben, dürfte den Druck auf Scorsese nicht gemindert haben.

Abgesehen von einem kaum übertragbaren Prolog scheint sich Shutter Island zunächst eng an sein literarisches Vorbild zu halten. Leonardo DiCaprio als US-Marshal Teddy Daniels und Mark Ruffalo als dessen Partner erreichen per Fähre Shutter Island, eine kleine Insel in der Bostoner Bucht. Wir schreiben das Jahr 1954. In einer von der Außenwelt abgeschotteten Institution für psychisch kranke Schwerverbrecher sollen die Marshals das Verschwinden einer gefährlichen Patientin aufklären. Schnell erweist sich, dass nicht nur die Umstände des Vorfalls äußerst mysteriös sind, sondern Daniels selbst in die merkwürdigen Machenschaften auf der Insel verwickelt scheint.

Shutter Island ist ein Psychothriller im wörtlichen Sinne. Rigoros erzählt er von geistigen Krankheiten und seelischen Untiefen – und wirkt dabei nachhaltig auch auf Gemütszustand des Zuschauers. Wendungs- und trickreich entführt der Film in eine andere, ein denkbar düstere, vermeintlich abnorme Welt. In allererster Linie ist dieser differenzierte Eskapismus, den das Werk in selten sogartiger Manier entwickelt, ein Verdienst der Regie. Unter den kaum zählbaren klugen Entscheidungen, die Martin Scorsese in seiner Adaption des grandiosen Romans getroffen hat, ist auch die, auf eine eigens komponierte Filmmusik zu verzichten. Stattdessen formt er durch eine stimmige Mischung aus Mahler und Cage, aus György Ligeti und Brian Eno einen ohrenbetäubenden Klangteppich, der durch Mark und Bein geht. Wie leicht hätte dagegen ein Original Score die verstörende Schönheit des Gezeigten entwerten können.

Scorseses Renommee ist es zu verdanken, dass Shutter Island bis in den kürzesten Gastauftritt nicht nur beachtlich prominent, sondern in jedem Einzelfall exzellent besetzt ist. Über des Filmemachers fortgesetztes Zusammenspiel mit DiCaprio müssen nicht mehr viele Worte verloren werden, der Hauptdarsteller brilliert abermals als schwer gepeinigte Seele. Aus dem Ensemble herauszuheben sind zudem Ben Kingsley, der als Chefarzt des Hospitals glänzt, und Michelle Williams, die Daniels’ verstorbene Ehefrau in den magisch-beunruhigenden Traumsequenzen des Films verkörpert.

Dass Shutter Island auch die letzte Hürde auf dem Weg zu einer herausragenden Adaption überwindet, verrät erst eine weitere Lektüre von Lehanes Meisterwerk. Diesen höchsten Ritterschlag verdient sich Scorseses Film durch die seltene Doppelleistung, einerseits in jedem Moment – auch jeder Kürzung und kosmetischen Abweichung – der Vorlage treu zu bleiben, andererseits das Buch aber eben auch nach dem Filmgenuss lesenswert zu belassen. Während sich die Verfilmung zunächst ungemein textnah anfühlt, beweist ein zweiter Blick in Lehanes Schrift, dass diese sehr wohl viele Ergänzungen bietet, deren Fehlen man der Filmversion aber wiederum nicht anmerkt. Zudem bewahrt freilich Lehanes unnachahmliche Sprache, jene doppelbödige Poesie, spielend den immensen Wert des Buches.

Shutter Island widerlegt mit Nachdruck die These, eine Romanverfilmung müsse sich zwischen einer huldvollen Umsetzung einerseits und einer riskanten Loslösung von ihrer Vorlage andererseits entscheiden. Scorsese und seiner Drehbuchautorin Laeta Kalogridis ist gewissermaßen beides gelungen – das Ergebnis ist indes weit mehr als die Summe dieser beiden Gegenteile. Es lässt Film und Roman eigenständig nebeneinander stehen, lässt den Text in den Lichtbildern durchscheinen, transzendiert ihn mit Verve, geht aber eben nicht vollends in ihm auf. Man kann einer Kinoadaption kaum kein größeres Kompliment aussprechen.

Wertung: ■■■■■■■■■■■■■■□ (14/15)

© T. Richter (filmversteher@gmail.com), Februar 2010