Federico Fellinis Filmklassiker 8½ (1963) trägt seinen etwas sonderbar anmutenden Titel aus gutem Grund: Laut eigener Zählweise – bei der Kurzfilme als halbe Werke erfasst werden – ist es der achteinhalbte Langspielfilm Fellinis. Und es ist ein denkbar selbstreflexives Kunstwerk, in dem sich der italiensche Regisseur mit seinen eigenen Schwierigkeiten des kreativen Prozesses auseinandersetzt, eben jenen Film zu drehen, der sich vor unseren Augen entfaltet. Oder, wie es der Filmtheoretiker Christian Metz so eloquent formuliert hat: „8½ ist der Film, in dem 8½ entsteht.“
Anfang der 1980er hielt es der Dramatiker Arthur Kopit für angebracht, die Grundzüge des Fellini-Filmes in einem Musical wiederzuverwerten. Er nannte es, da er darin allen Ernstes eine Weiterentwicklung von 8½ sah, wenig originell „Nine“. Nach Jahrzehnten Bühnenerfolg entschloss sich dann der Musical-erprobte amerikanische Regisseur Rob Marshall, das Stück seinerseits für die Leinwände Hollywoods zu adaptieren. Übrig geblieben ist in Nine nun ein italienischer Starregisseur, den eine Schreibblockade daran hindert, nach einigen Flops wieder an alte Glanzzeiten anzuknüpfen. Geplagt wird er zudem von einem halben Dutzend mehr oder minder fordernder Damen, die den armen Künstlerkopf gehörig durcheinander bringen.
Und dann stellt sich auch in Nine wieder jene Beliebigkeit ein, die schon den Oscar-Regen für Chicago (2002) so unverständlich erscheinen ließ. Auch in seinem neuerlichen Musik-Film reiht Marshall wieder eine gesungene Einlage an die nächste, unterbrochen von recht verzweifelten Versuchen, zumindest dem Protagonisten eine gewisse Charaktertiefe zu verleihen. Dabei ist Daniel Day-Lewis als Guido Contini, wie zu erwarten, sehr gut. Dennoch schafft selbst er es nicht, die ursprüngliche Wunschbesetzung Javier Bardem vergessen zu lassen, der wegen eines Erschöpfungssyndroms hatte absagen müssen. Auch die sonstige Besetzungsliste liest sich fabelhaft, wenigstens halbwegs zu überzeugen weiß aber nur Marion Cotillard als Continis gehörnte Ehefrau. Penélope Cruz spielt, immerhin mit großem Einsatz, ihre übliche Nummer als hysterische Geliebte herunter, gestandene Stars wie Nicole Kidman, Judi Dench und Sophia Loren bleiben dagegen völlig blass. Den Gipfel der Peinlichkeit erklimmt indes Kate Hudson, deren geträllerte Hommage an das „Cinema Italiano“ vor allem eine gepfefferte Portion Fremdscham hervorruft.
Überhaupt hat diese vermeintliche Verneigung vor dem italienischen Kino erschreckend wenig mit demselben gemein. Die vielen Referenzen an das Filmemachen selbst mögen wenigstens für Cinephile ein netter Nebeneffekt sein, die satirische Brisanz des seinerzeit von Marshalls Co-Autor Michael Tolkin geschriebenem Robert-Altman-Film The Player (1997) erreicht Nine dagegen nicht einmal ansatzweise. "08/15" wäre wohl der weitaus passendere Titel gewesen. Wie der Genius des post-neorealistischen Klassikers schließlich in dieses hohle Spektakel münden konnte, bleibt rätselhaft. Dann doch bitteschön wirklich lieber Fellini im Original.
Wertung: ■■■■■□□□□□□□□□□ (5/15)
© T. Richter (filmversteher@gmail.com), Februar 2010
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