Vergleiche sind zwecklos. Um Guy Ritchies Kino-Update des vielleicht berühmtesten Privatdetektivs der Literaturgeschichte einordnen zu können, muss man die unzähligen früheren Verfilmungen aus den USA, Deutschland, Russland und natürlich Großbritannien nicht erst heranziehen. Sherlock Holmes will für sich stehen – und genau diese Sonderstellung sollte man dem unverhofften Geniestreich auch gönnen. Ebenso falsch ist aber die Annahme, Regisseur Ritchie hätte mit uralten Traditionen gebrochen, die Erfindung Holmes arglos modernisiert, gar seinen eigenen Vorlieben angepasst. Keiner dieser Unkenrufe trifft zu – und dennoch haucht diese eigenwillige Adaption der altgedienten Schnüfflerlegende mit brachialer Gewalt neues Leben ein.
Dieser frische Wind ist aber nicht alleine der Unerschrockenheit Ritchies geschuldet, sondern hat eine durchaus solide Basis. Zum einen haben der Filmemacher und sein Autorenteam die von Sir Arthur Conan Doyle geschaffene Figur zwar nicht umgekrempelt, aber klug einzelne Charaktereigenschaften herausgehoben oder weiterentwickelt. So finden sich auch die nunmehr zentralen Nahkampffähigkeiten Holmes’ bereits in Doyles Geschichten, sind in den meisten bisherigen Umsetzungen lediglich ausgeklammert worden. Zudem wirkt der Ansatz, die Verfilmung wie die eines Comics zu gestalten, innovativ: Anstelle der üblichen Storyboards oder computergenerierter Prävisualisierung fußt das Script in der Tat auf einer kurzen graphic novel, die Ritchie speziell erstellen ließ und deren Zeichnungen im Abspann des Filmes eine schöne Zweitverwertung finden.
Sherlock Holmes steht und fällt mit Hauptdarsteller Robert Downey Jr. – und das ist wörtlich zu nehmen. Tatsächlich hat der Film der famosen Leistung des Protagonisten einen Großteil seines immensen Schauwertes zu verdanken. Und tatsächlich stolpert und prügelt sich dieser in einer wahnwitzigen Mischung aus künstlerischer Zerstreutheit und schier übermenschlicher Genialität durch das wendungsreiche Geschehen. Mit einem mysteriösen Okkult-Meister namens Lord Blackwood haben es Holmes und Assistent Watson – die sich einen herrlichen, homoerotisch konnotierten Schlagabtausch nach dem anderen liefern – zu tun. Als Blackwood gar seine Exekution übersteht und London weiterhin terrorisiert, wird auch Irene Adler (Rachel McAdams), eine Verflossene des Inspektors, in die turbulenten Geschehnisse verwickelt. Vertiefende Rückblenden ergänzen dabei immer wieder kürzlich Vergangenes und sorgen bis zum schwindelerregenden Finale auf der noch unfertigen Tower Bridge für einige Verblüffungen.
Jude Law als Dr. Watson funktioniert in der Praxis weitaus besser als die theoretisch vielleicht etwas merkwürdige Besetzungsentscheidung. Das Highlight neben Downey dem Jüngeren ist allerdings der salbungsvolle Mark Strong, der als böser Lord so großartig-sinister ist, dass man ihn den vortrefflichsten Graf Dracula seit langem nennen kann. Überhaupt scheinen Ritchie neben einer Bereicherung des Inspector-Holmes-Kanons gewissermaßen beiläufig Quasi-Fortsetzungen ganz anderer Filmreihen gelungen zu sein. In seinen stets augenzwinkernd-überzogenen Actionsequenzen erinnert Sherlock Holmes frappierend an die Abenteuer des anderen berühmten britischen Ermittlergenies, Agent 007. Manch eine Slapstick-Einlage lässt dagegen den verspielten Irrwitz Charlie Chaplins aufleben – eine Rolle, die Robert Downey in Richard Attenboroughs Biopic ja bereits 1992 übernommen hatte.
Wer die Karriere Guy Ritchies auch nach den gefeierten Independent-Hits Lock, Stock and Two Smoking Barrels und Snatch verfolgt hat, wird darin ein etwas unschlüssiges Suchen, aber auch eine erstaunlich stringente Entwicklung finden. Die von den Boulevardmedien ständig begleitete Ehe mit Madonna beeinflusste Ritchies Schaffen lediglich in Gestalt des krachend gefloppten Gemeinschaftsprojektes Swept Away. Spätestens mit dem vorzüglichen Sherlock Holmes zeigt sich nun, dass die zwischenzeitlichen Actionthriller Revolver und RocknRolla keinesfalls bloß Fingerübungen darstellten. Der vielleicht größte Wert der beiden stilistisch gewagten, aber auch inhaltlich komplexen Filme ist es, das aktuelle, eindeutig auf ein größeres Publikum zielende Unterfangen Ritchies vorbereitet zu haben. Mit Sherlock Holmes verbindet der britische Visionär erstmals alle drei Aspekte: Audiovisuelle Raffinesse, eine clever ausgetüftelte Story und ein gesundes Maß an Massenkompatibilität.
Wertung: ■■■■■■■■■■■■□□□ (12/15)
© T. Richter (filmversteher@gmail.com), Januar 2010
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