Nach dem hart erarbeiteten Oscar für No Country for Old Men und dem vergleichsweise albernen Burn After Reading machen die Gebrüder Coen nun ernst. Mit vertrauter Crew hinter, aber ohne jeden großen Namen vor der Kamera schicken sie A Serious Man auf die Reise – eine überaus unangenehme, wie sich zeigen wird.
Eigentlich hat Larry Gopnik, ein jüdischer Physikprofessor, alles, was er sich wünscht. Im vorörtlichen Minneapolis um das Jahr 1970 lebt er mit Frau und Kindern in einem hübschen Häuschen. Doch bald gerät sein Leben schrittweise aus den Fugen: Erst fordert die werte Gattin aus heiterem Himmel die Scheidung, dann präsentiert sie mit einem alten Familienfreund bereits seinen Nachfolger. Gleichzeitig weiten sich Larrys Probleme auf seinen Beruf aus, als seine anstehende Verbeamtung zu wackeln beginnt und ein koreanischer Austausch-Student versucht, ihn zugunsten einer besseren Note zu bestechen. Zudem hat Larry Ärger mit einem resoluten Nachbarn und muss sich um seinen glück- wie wohnungslosen Bruder Arthur kümmern. Und schließlich sind da noch die beiden Kinder: Tochter Sarah bestiehlt ihn, um eine Nasenoperation zu finanzieren, Sohn Danny gefährdet seine bevorstehende Bar Mitzwa, weil er ständig stoned ist.
Dass sich das nach einer regelrechten Flut von Hiobsbotschaften anhört, ist kein Zufall. Die biblische Erzählung über jenen frommen Hiob, der Opfer einer Wette zwischen Gott und Satan wird, dient den Coens offenbar in der Tat als lose Vorlage. Verlegt haben sie die Geschichte des Mannes, dessen Standfestigkeit durch eine Verkettung schlimmster Rückschläge geprüft wird, in die späten 60er Jahre. Aber auch über den ungefähren Plot hinaus strotzt A Serious Man nur so vor religiösen Anspielungen – manche überdeutlich, viele eher subtil. Dass der Abspann den Witz „No Jews were harmed during the making of this film“ enthält, hat seine Gründe: Mit den Gewohnheiten des jüdischen Glaubens gehen die Coens wahrlich nicht zimperlich um – eine Haltung, die sich sicher nicht jeder erlauben kann.
Obwohl die beiden Filme oberflächlich wenig gemein haben, erinnert A Serious Man werksintern wahrscheinlich am ehesten an den gnadenlosen Noir-Thriller Blood Simple von 1984. In ihrem Erstling benötigten die Coens noch sorgsam durchexerzierte Gewalt zur Beschreibung der Brutalität zwischenmenschlicher Verhältnisse. Heute reichen ihnen subtilere Gesten – und seien es die ihres tollen Hauptdarstellers Michael Stuhlbarg. Nachdem die Gebrüder in den letzten zehn Jahren einzig mit No Country ihr wahres Potenzial ausschöpfen konnten, ist A Serious Man endlich wieder eine kompromisslos böse, gänzlich unberechenbare black comedy, die sogar eine der berüchtigten avantgardistischen Traumsequenzen zu bieten hat.
Ob sich die Gebrüder Coen nun auf eine konkrete Bibelstelle beziehen oder nicht, die Hiob-Erzählung scheinen sie nicht zu Ende gelesen zu haben. Das Alte Testament gesteht dem gepeinigten Hiob jedenfalls schließlich eine Art Entschädigung zu. Den Coens bleibt es indes bis zum bitteren Ende ebenso ernst, für ihren „serious man“ haben sie eine ganz besondere finale Überraschung. Übrigens auch mit biblischer Referenz.
Wertung: ■■■■■■■■■■■■□□□ (12/15)
© T. Richter (filmversteher@gmail.com), Januar 2010
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